Der Raum-Ausstatter

betr.: 43. Jahrestag des deutschen Starts von „Die Fantastischen Vier“

Inzwischen liegt das „Millennium“* so weit zurück, dass man sich auf die größten amerikanischen Comic-Künstler des 20. Jahrhunderts verständigen kann. Will Eisner und Robert Crumb haben sich demokratisch herauskristallisiert. (Dieses vollkommen berechtigte Ergebnis kam unter den erwähnenswerten Gesichtspunkten zustande, dass es Funnies stets schwerer haben, als Kunst zu gelten, und dass so ein Jahrhundert gern vom Ende her betrachtet wird – Pech für George McManus, Elzie Segar & Co.)
Meiner Meinung nach sollte man nach der Nennung von Eisner und Crumb nicht zu lange Atem holen, ehe man (spätestens) als Dritten Jack Kirby hinzufügt. Das kitzelt jene für einen delikaten Augenblick, denen der uneinholbare kommerzielle Erfolgsvorsprung dieses Mannes nicht geheuer ist. Bei Kirby ist die Versuchung besonders groß, ihn auch für die Ausrutscher jener in Mithaftung zu nehmen, die offensichtlich von ihm beeinflusst sind, und genau darin liegt eines seiner größten Verdienste: wer nach ihm kam, der bringt ihn mit zu Papier (- mindestens im amerikanischen Nicht-Funny).

kirby_space-odysseyA propos Millennium: mit dieser Adaption eines Kinoklassikers – natürlich ein Abenteuer aus dem Weltraum – meldete sich Jack Kirby bei Marvel zurück.

Das „Stendhal-Syndrom“ (das wohlige Schwindelgefühl angesichts der Schönheit der Kunst), das seinen Namensgeber beim Besuch der Franziskanerkirche Santa Croce übermannte, packt mich wohl bei keinem bildenden Künstler so schnell und unentrinnbar wie bei Jack Kirby. Er versteht es, die Sagenwelt der nordischen Götter in allen Einzelheiten einzufangen (und das ohne jeden Schnickschnack, mit entschlossener, geradezu aufgeräumter Federführung**), er ist nie um die Schaffung einer antiken oder futuristischen Kulisse verlegen (die Wesen inbegriffen, die sich dort herumtreiben, die Kleidung und Alltagsgegenstände, die sie möglicherweise tragen …), und sogar Maschinenwelten bringen den Meister nicht in Verlegenheit. Seine endlosen, jederzeit glaubwürdigen Laborfluchten und detailliert gezeigten Apparate sind seltsam beseelt.
Kirbys größter grafischer Coup aber liegt in der Eroberung des Weltraums. Seine Art, die Schwärze des Alls darzustellen, sie üppig mit Nebeln, Streiflichtern, Himmelskörperformationen und Energiefeldern zu dekorieren, ohne ihre einschüchternde Unendlichkeit je zu verstellen, ist heute Allgemeingut. Vor ihm war der Raum im Comic im Wesentlichen Schwarz und Strahlen etwas Linienförmiges. Seit Kirby wissen wir, dass man Energie am besten in Form brodelnder Tupfen abbildet, so als stünde man ihrer Quelle als Leser direkt gegenüber, ihrer verheerenden Wirkung schutzlos preisgegeben. (Dieser Effekt kam im Rahmen der Silver-Surfer-Saga in der Reihe „Fantasic Four“ zur Vollendung.)
Und dann seine Menschenbilder!
Während es zu den Vorzügen Will Eisners gehört, die Anatomie korrekt wiederzugeben und Robert Crumb einzelne Proportionsverzerrungen sehr absichtsvoll als Knalleffekt einsetzt, spielt Kirby dynamisch mit den Größenverhältnissen, nicht nur im Körperbau und den Posen seiner Figuren, sondern auch in ihren Gesichtern.
Keine Faust ballt sich bedrohlicher, keine angreifende Barbarenhorde könnte haariger und finsterer dreinblicken, kein Recke heroischer, keine aufgeschreckte urbane Menschenmenge verzagter sein.
(An dieser Stelle soll nicht verschwiegen werden, dass Jack Kirby auch Leute in geschlossenen Räumen packend darzustellen wusste, wie die drolligen Alltagssituationen aus dem Wolkenkratzer der Fantastischen Vier beweisen.)

Doch auch kulturpolitisch ist Kirbys Geschichte interessant. Wie man sich erinnert, bildete er in der Gründerzeit von Marvel Comics ein Autorenteam mit seinem Chefredakteur Stan Lee. Lee erfand eine Geschichte und skizzierte sie Seite für Seite, Kirby (vielfach der Designer der Figuren) legte bei der Umsetzung die Sprechblasen an, die Lee dann wiederum füllte.*** Der Streit darüber, wer nun welchen Anteil am Ergebnis habe, führte 1970 zum Bruch dieses Duos, das in unserem Bewusstsein bis heute als Einheit fortlebt. Als die deutschen Leser ihre ersten Williams-Marvels aufschlugen, war Kirby längst zu DC gewechselt. (Er legte dort hochinteressante Werke vor, die hierzulande bis heute keinerlei Beachtung gefunden haben.) Später hat er wieder für Marvel gezeichnet, doch die Streitigkeiten mit dem alten Arbeitgeber überdauerten seine irdische Existenz. 2013, knapp zwanzig Jahre nach seinem Tod, scheiterten die Erben des Zeichners endgültig mit dem Versuch, die Rechte an 45 Konzepten, Helden- und Schurkenfiguren vom Disney-Konzern einzuklagen, der zwischenzeitlich Marvel geschluckt hatte. Der Rechtsstreit hatte der Problematik des geistigen Eigentums immerhin etwas Publicity eingetragen.

ALL IMAGES AND CHARACTERS  TM & © MARVEL ENTERTAINMENT, LLC

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* Der Schickimickiausdruck „Millennium“ (deutsch für „Jahrtausend“ und bis Ende der 1990er Jahre nicht im allgemeinen deutschen Sprachgebrauch) steht hier als Sammelbegriff für die Mischung aus Vorfreude und allgemeiner Unruhe, die dem Anbruch des Jahres 2000 vorausging. So fürchtete sich die Öffentlichkeit z.B. vor dem Ausfall sämtlicher Elektronengehirne wegen des „Millennium Bug“ …
** Also gut: der Zeichner arbeitet natürlich mit dem Blei- bzw. Blaustift. Die letztliche Wirkung der Zeichnung hängt ganz wesentlich vom Inker (Tuscher) ab, der die Reinzeichnung vornimmt. Joe Sinnott gilt als der feinfühligste Überträger von Kirbys Kunst.
*** So lief es in der Praxis nicht immer ab. Stan Lee beschrieb es einmal so: „Natürlich brauchen einige Zeichner einen ausgefeilteren Plot als andere. Einige – so auch Kirby – benötigen gar keinen. (…) Ich sage einfach zu Jack: ‚Lass den nächsten Bösewicht Dr. Doom sein’, oder ich brauche ihm nicht einmal das zu sagen. Er macht es, und ich habe dann nur noch ein bisschen zu redigieren.“ Seit seinem Ausstieg bei Marvel 1970 firmierte Kirby offiziell als sein eigener Autor.

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3 Antworten auf Der Raum-Ausstatter

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