Die schönsten Comics, die ich kenne (11): „Die Gifticks“

„Die Gifticks“ in „Verhängnisvolle Erpressunck“
von Paul Deliège
Erschienen in „Spirou“ Nr. 1752 – 1768 (1971) als „Les Krostons sortent de presse“, deutsch in „Fix und Foxi“ 12 – 18/1976 als „Für alle Gift und Galle“ und in „FF Spaß 37“ sowie neu übersetzt* als „Gefahr aus der Druckerpresse“ in der dreibändigen Gesamtausgabe, Piredda Verlag 2009
und
„Die Gifticks“ in „Ihre Unheilvolle Geburt“
von Paul Deliège
Erschienen in „Spirou“ Nr. 1652 (1969) als „L’origine des Krostons“, deutsch in „Fix und Foxi“ 46/1976 und in „FF Spaß“ 34 sowie neu übersetzt* in der dreibändigen Gesamtausgabe, Piredda Verlag 2009

Eines der kuriosesten Comic-Ereignisse der 80er Jahre war Marvels Selbst- und Disney-Parodie „Howard The Duck“. Hier war die seltene Mischung aus realistischem Zeichenstil und Funny zu erleben, das Aufeinandertreffen und Interagieren von Super- und Fantasy-Helden mit einer etwas zu groß geratenen Ente in der Hauptrolle. Obwohl das Werk ein gelungener Wurf war, blieb der Enterich vom ersten bis zum letzten Panel ein stilistischer Fremdkörper. Man sah ihm jederzeit an, dass die beteiligten Zeichner (unter ihnen meine persönlichen Helden Val Mayerik und Gene Colan) nicht in seinem Genre zu Hause sind (- wobei mit diesem Aspekt durchaus inhaltlich gespielt wurde). Dieses Crossover blieb eine (bald auch verfilmte) Rarität auf dem Comic-Markt.
Soweit ich mich erinnere, hat es nur einen makellosen Fall gegeben, in dem es fotorealistische Helden mit knollnasigen Figuren als Gegenpart zu tun bekamen, ohne dass es zum Stilbruch gekommen wäre. Er wurde von einem Zeichner vorgelegt, der zumeist witzige Kleinformate betreute: Paul Deliège**.
Seine Schurken “Die Gifticks“ sind drei apfelgroße Kobolde, die im Mittelalter von einem gepeinigten Illustrator gezeichnet und mittels Alchimie zu dreidimensionalem Leben erweckt wurden, um einen tyrannischen Grafen zum Teufel zu jagen. Nach getaner Tat begehrten die Wichte (die im Original nach ihrem Schöpfer Krostonius  „Les Krostons“ heißen) auf, nahmen wieder ihre papierene, zweidimensionale Struktur an und ließen sich vom Dezemberwind davontragen, neuen Untaten entgegen. Der verzweifelte Krostonius blieb voll nagender Schuldgefühle zurück.
Das erste Album dieser Reihe spielt in unseren Tagen (Ende der 60er Jahre). Der an einer Blockade leidende Comiczeichner Heinz Hartmann zeichnet die Biester von einer historischen Vorlage ab und erweckt sie damit zu neuem Leben; der alte Fluch von Meister Krostonius ist noch immer wirksam. Hartmann schafft es schließlich, einen ihrer zweidimensionalen Momente abzupassen und sie in einem Buch einzuklemmen.
Hier endet das erste Album, und seine Fortsetzung ist Paul Delièges bester Comic (gemeinsam mit der dazwischen erschienenen sechsseitigen Entstehungsgeschichte „L’origine des Krostons“).

In „Les Krostons sortent de presse“ nimmt der vierzehnjährige Rolli das verhängnisvolle Buch ahnungslos mit im die Herbstferien zu seinem Onkel. Als er es aufschlägt, wird Herrn Wolfs Zuhause – eine Edgar Wallace-taugliche Villa am Waldrand – zum Schauplatz eines lebensgefährlichen Katz-und-Maus-Spiels, in dem Hartmann und sein Freund Josef als Vorläufer der „Ghostbusters“ agieren. Rolli ist ihnen leider keine Hilfe, denn er wird von den Gifticks erpresst. Außerdem soll er sie abmalen, um ihnen so zu einer Giftick-Armee zu verhelfen, mit der sich die Welt erobern lässt. Zwar scheitert dieser Plan an Rollis mangelndem Zeichentalent, doch es gibt eine Menge Ärger bis zum trügerischen Happy End.
Alle folgenden Abenteuer der Gifticks – insgesamt gab es sechs lange und eine Reihe kurzer Geschichten – vernachlässigten mehr und mehr das realistische Element und entwickelten sich zu einem Funny mit Kobolden und Menschen.
Das zweite Album „Les Krostons sortent de presse“ bleibt ein stilistisches Unikat mit einem herausragenden Szenario.

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* Sie ist sorgfältig gemacht und gut gemeint, kann es aber mit dem umgangssprachlichen Witz der Kauka-Übersetzung nicht aufnehmen.
** Siehe dazu  https://blog.montyarnold.de/2015/01/21/lauter-kleine-individualisten/

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