Broadway’s Like That (42): „Guys And Dolls“

15. Das Ende der Tin Pan Alley (1)

Die 50er Jahre brachten mit dem Rock’n’Roll eine Veränderung, die bei weitem nicht nur die Musikbranche sondern die Gesellschaft an sich betraf. Der Rock’n’Roll beendete die Ära der Big Bands, rückte den Interpreten eines Songs in den Vordergrund und war ein notwendiger Eisbrecher für Entwicklungen wie die Beat-Bewegung in Großbritannien wenige Jahre darauf.
Am Broadway wurde zunächst – zumindest schien es so – der alte Stil, der klassische Song weiter gepflegt. Der Sound der alten Swingtage durfte hier noch knapp 15 Jahre weiterleben – aber die Tage der Tin Pan Alley waren gezählt. Während mit Irving Berlin und Cole Porter zwei Routiniers der alten Schule ihre letzten Arbeiten vorlegten, gelang es einigen jüngeren Komponisten, sich mit Werken durchzusetzen, die gleichfalls zu den heute noch gespielten Klassikern des Musicals zu zählen sind. Frank Loessers „Guys And Dolls“ ist eines davon.

Der 1910 in Chicago geborene Loesser hatte sich zunächst als Songtexter für Schlager von Jule Styne, Friedrich Hollaender oder Hoagy Carmichael einen Namen gemacht, bevor er sich auch dem Komponieren zuwandte. Seinen Einstand am Broadway feierte er 1948 mit einer vielbeachteten Musicalfassung von Brandon Thomas’ Komödien-Dauerbrenner „Charley’sTante“. Die Kritik staunte über Loessers musikalische Versiertheit. Den Erfolg von „Where’s Charley?“ übertraf Loesser zwei Jahre später mit „Guys And Dolls“. Wie Brechts und Weills „Happy End“, 1929 in Berlin uraufgeführt, entstand „Guys And Dolls“ nach Damon Runyons „Grotesken vom Broadway“. Ursprünglich hatten die Produzenten nach dem Vorbild von Rodgers & Hammerstein eine ernste und romantische Liebesgeschichte konzipiert. Nachdem sich jedoch elf Librettisten vergeblich um eine Adaption in diesem Sinne bemüht hatten, schrieb Abe Burrows das Buch zu einer Musical Comedy. Burrows und Loesser bildeten zusammen mit dem Regisseur George S. Kaufman die Welt der kleinen Gauner, Spieler und Bardamen um den New Yorker Times Square der 1920er Jahre nach.

Wie in „My Fair Lady“ und „Easter Parade“ ist eine Wette der Auslöser der Handlung: Der Spieler Sky Masterson behauptet, jede Frau – selbst die Heilsarmeeaktivistin Sarah Brown – verführen zu können. Sein Kollege Nathan Detroit hält dagegen, doch Sky gelingt es tatsächlich, Sarah zu einem gemeinsamen Trip nach Havanna zu überreden. Dabei verlieben sie sich zu ihrer beider Überraschung ineinander. Sarah ist enttäuscht, als sie von der Wette erfährt. Um sie nicht zu kompromittieren, verzichtet Sky auf seinen Gewinn und erklärt Nathan, Sarah habe ihm widerstanden. Zur Rettung von Sarahs Missionsstation, die aufgrund mangelnder Erfolge bei der Bekehrung von Sündern geschlossen werden soll, lässt sich Sky auf eine weitere Wette ein. Er gewinnt beim Würfelspiel, und die Verlierer müssen ihr beträchtliches Sündenregister den Heilsarmeedamen beichten. Damit ist Sarahs Mission gerettet, und sowohl sie und Sky als auch Nathan und seine langjährige Dauerverlobte Adelaide heiraten.

Zur Vielfalt seiner Musik meinte Loesser: „Wenn ein Lied nach Verdi, Berlin oder Scarlatti klingt, ist das legitim. Ich erfinde keine Sprachen, ich benutze sie!“
Loessers eklektizistische Musik für „Guys And Dolls“ konfrontierte jazzige Balladen mit nachgebildeten Heilsarmee-Chorälen, rhythmische Ensemblenummern mit Gospelsongs und Kanons. Die hartgesottenen Zocker singen eine kunstvolle Fuge, und im berühmten Klagelied der frustrierten Nachtclubtänzerin Adelaide „Adelaide’s Lament“ treffen Blueselemente und psychoanalytisches Vokabular aufeinander.

Forts. folgt

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