Die große Leichtigkeit

betr.: 30. Todestag von Hans Rosenthal

Mochte Fuchsberger auch schlagfertiger sein, Kulenkampff jovialer, Elstner herzlicher, Carrell mehr Glamour vortäuschen – Hans Rosenthal war unbestritten der fröhlichste Moderator der Bonner Republik und vermutlich derjenige, dessen scheinbare Mühelosigkeit den Normalverbraucher im Fernsehsessel zu der Überzeugung verleitete: Moderieren könnte ich eigentlich auch, ich komm nur nicht dazu.
Unsere entzauberte Moderne bringt es mit sich, dass sich die Mühsal solcher Medienberufe inzwischen herumgesprochen hat (bei fast allen über 22). Rosenthal war ein besonderer Workaholic, denn er machte ja – vom „Dalli Dalli“-Publikum weitgehend unbemerkt – auch noch Radio beim RIAS Berlin. Dort kannte man sie umso besser: seine Arbeitswut und Strenge. Unpünktlichkeit hasste er, denn sein Terminkalender ließ keinen Raum für solche Nachlässigkeiten. Er war immer in Eile, und wer mit ihm arbeitete, lernte seine Intensität zu bewundern und zu fürchten.
Christian Bienert, der (leider nur) bis zum Dezember 2012 das Rosenthal’sche „Sonntagsrätsel“ im Radio moderierte, nannte diesen Wesenszug „erbarmungslose Zuverlässigkeit“: „Ich sagte zu ihm, wir müssen die nächste Sendung noch besprechen. – Na, dann komm mit! Sein Taxi wartete bereits, er musste aber noch zum Programmdirektor, zur Intendanz, zu irgendeinem Verwaltungsdirektor und und und. Ich musste diesen ganzen Weg mit ihm mitjapsen. Ich hielt einen kleinen Zettel in der Hand, und wir besprachen das gesamte Rätsel inklusive sämtlicher Musiken und Alternativmusiken im Sauseschritt. Dann wollte er sich die Hände waschen. Er sagte, komm mit  rein. Ich sagte: danke, ich muss mir nicht die Hände waschen. Sagt er, aber ich – wir sparen Zeit, du kannst inzwischen reden. Dann waren wir vorm Haus angekommen. Die Zettel flogen mir fast weg, und es waren noch zwei Sachen offen. In dem Moment rollte der Wagen an. Er sagte, ruf mich heute abend an zwischen acht und zehn nach acht. Aber pünktlich, denn Viertel nach acht telefoniere ich mit dem ZDF!“

Das Publikum erlebte Hans Rosenthal  natürlich nur in einer Laune, die nahtlos zum Feierabend passte, und in keinem überlieferten Fall hatte sich jemand zu beklagen.
Wirklich in keinem? Der „St. George Herald“ hat tatsächlichen einen unzufriedenen Zuschauer gefunden: im Saarland, wo Hans Rosenthal einst im regionalen Vorabendprogramm die Quizsendung „Bitte zur Kasse“ moderierte.
In diesem knapp viertelstündigen Format wurde ein Kandidat (anscheinend spontan) aus dem Studiopublikum herausgesucht, hatte ein Startkapital von hundertfünfzig Mark, und wann immer er eine der gestellten (eingesandten) Fragen nicht oder falsch beantwortete, wurde ihm davon etwas abgezogen (- aber erst ab der zweiten Fehlleistung. „Einmal ist keinmal“, pflegte Hans Rosenthal immer zu sagen).
Das restliche Geld wurde dem Kandidaten in einem Sparschwein von der unvermeidlichen Assistentin überreicht. – Zumindest dachten wir das immer alle.
Ein bis heute tödlich beleidigter regionaler Gewinner von immerhin 120 Mark enthüllte mir erregt die Wahrheit: das Sparschwein wurde ihm nämlich nach dem Ende der Aufzeichnung von einem Handlanger des Senders gleich wieder abgenommen, und er bekam das Geld stattdessen in einem Gips-Rollschuh überreicht.
Der Mann schied reich beschenkt, aber mit dem nie versiegenden Gefühl, übervorteilt worden zu sein!

Dieser Beitrag wurde unter Fernsehen, Medienkunde abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>