Zum Tode von Klaas Akkermann

Der folgende Nachruf wurde mir von seinem Autor Johannes Blunck von fp frontpage communications GmbH zur Verfügung gestellt, wofür ich mich herzlich bedanken möchte. Klaas Akkermann war der einzige PR-Mann bundesweit, der vier konkurrierende Major-Filmstudios betreute.

Matrix
Typische Post aus dem Büro Akkermann. Zuletzt gab es keine gedruckten Pressemappen mehr, aber der handgemachte Schreibmaschinen-Look der Einladungen blieb.

Datum: Donnerstag, 16. Februar 2017 22:18
Betreff: Klaas

Liebe Journos, liebe Kollegen, liebe Freunde,

einige von Euch haben es sicher schon gehört: nun ist auch Klaas von uns gegangen. Leider habe ich bis eben nicht die Muße finden können, Euch zu schreiben. Seine Tochter rief mich heute morgen an. Ich bin ein bisschen böse auf Klaas. Gerade er hätte wissen müssen, dass man in dieser Branche am Startdonnerstag manchmal andere Sachen um die Ohren hat!

Diese Branche für die Klaas in meinen Anfangsjahren der Stellvertreter auf Erden* war. Er war eine Lichtgestalt, an der man nicht vorbeikam – so kam es mir zumindest vor. Ich war noch ein kleines Vorführerlicht und meine Schwester stellte mich ihm vor. Von da an durfte ich auch mal an diesen legendären Pressevorführungen teilnehmen. Da stand er nun – vorne im Rang und verlas von einem kleinen Zettel die kommenden Pressevorführungen (eigentlich waren Einladungen gar nicht notwendig, wenn man regelmäßig kam). Man war geduldet – wie so viele – aber Klaas ließ das niemanden spüren. Jeder – egal ob wichtig oder unwichtig – wurde freundlich begrüßt. Erst später war mir klar, dass ich gerade mal den Rang eines „Tankwartes“ (so nannte Klaas die Nichtjournalisten, die aber trotzdem zahlreich anwesend waren) inne hatte.
Das war nur einer dieser sensationellen Begriffe aus dem klaas’schen Wortschatz. Gerne auch gebraucht „Rucksackverleiher“, was eigentlich alle Verleiher jenseits der US-Majors bezeichnete und die bei Klaas in dem Ruf standen, ihre Filmkopien noch selbst (im Rucksack) durch die Republik zu transportieren. Oder „Puvogel“, was nach Klaas’ Definition ein Spießer war.

Irgendwann war es dann soweit – ich durfte bei Klaas assistieren. Eigentlich keine gute Idee: Ich rauchte nicht – war also in Klaas’ Augen nur ein halber Mensch. Vielleicht machte ich es in seinen Augen durch mein Stehvermögen in Sachen Alkohol wieder wett. Schnell wurde mir klar, dass dieser Mann seinen Beruf lebt. Wer seine alte Visitenkarte kennt, weiß, wovon ich rede. Es war eine aufklappbare Karte in XXL-Format (natürlich!), deren Vorderseite einen stehenden Klaas Akkermann zierte, zu diesen Füßen eine leichtbekleidete Blondine kniete. In den Händen Filmrollen und umrahmt von den großen Lettern „AKKERMANN DEUTSCHLAND“.

Im Innenteil wurde klar, was gemeint war: „NON-STOP PR“ stand da und die diversen Aufenthaltsräumlichkeiten von Kinos, Büros bis hin zu seinen Stamm-Bars(!) wurden aufgezählt. Es endete ganz unten mit „manchmal auch“ und danach folgte seine private Telefonnummer. So war er – Privatleben hatte sich der Arbeit unterzuordnen – nicht andersherum. Das erklärte auch, warum Klaas immer wieder von seinen 23 Verlobten erzählte. Keine Frau hielt diesen Lebenswandel lange aus. Seine Mitarbeiter aber auch nur unter Schmerzen. Sein Bürokollege Eddie musste in der Woche mind. einen Aussand an Presseeinladungen vorbereiten. Um sich einmal die Größenordnung zu verdeutlichen: Klaas’ Verteiler umfasste zu Hochzeiten ca. 2.000 Einträge. Man kann sich das heute, in Zeiten des E-Mail-Versandes, kaum noch vorstellen. Allein die Einführung der selbstklebenden Briefmarke, wurde schon als bahnbrechende Erleichterung empfunden!

Der andere Leidtragende war Gert. Tarifverhandlungen gab es mit Klaas nicht! Keine 40-Stunden- und schon gar keine 5-Tage-Woche. Neben seiner regulären Vorführtätigkeit im Streit’s, arbeitet Gert nach Bedarf – und den gab es immer!
Sicher – man hätte sich krank melden können, aber auch dafür hatte Klaas eine Klausel parat: „Krankheit beginnt bei Genickbruch“. Seltsamerweise gab es eine Ausnahme, von der zumindest ich profitierte. Für Klaas galt Liebeskummer als echte und einzig akzeptierte Krankheit. Für ihn war so jemand nicht arbeitsfähig, da sein Kopf eh nicht bei der Sache war.
Das zeigt auch wieder diese Leidenschaft. Eine Leidenschaft, mit der er für seine Journalisten kämpfte. Die Brötchen bei den Pinkies sollten gestrichen werden? Schon gab es einen Anruf in der Zentrale. Der Alkoholkonsum eingeschränkt werden? Wieder war Klaas in der Leitung. Und wer einen Hörsturz vermeiden wollte, gab besser schnell nach.

Und ein ganz besonderes Verhältnis hatte er zu „seinen“ Pressefotografen. Es wurde immer gesagt, er hätte sie im Griff, wie ein Dompteur. Dabei gab es nur ein Geheimnis: Er hatte einen unglaublichen Respekt für harte Arbeiter. Und Menschen, die auf engstem Raum mit ihren Konkurrenten arbeiten mussten, nötigten ihm den allergrößten Respekt ab. Das spürten die Fotografen und führte zu gegenseitiger Achtung.

Etwas hat mich allerdings immer an ihm verwundert: Er liebte seine Branche so sehr und doch war er so selten im Kino zu finden. Und wenn doch, dann schlief er oft dabei ein. Nur einmal durfte ich es erleben, dass Klaas einen Film tatsächlich gesehen und sich regelrecht in ihn verliebt hatte. Dummerweise sah ein Redakteur einer öffentlich-rechtlichen Sendeanstalt das nicht so. Die anschließende Diskussion endete mit Klaas’ Faust auf dem Tresen des Streit’s Studio. Nicht dass der Journalist danach überzeugt war, aber jeder Anwesende war fasziniert von der Tatsache, dass diverse volle Gläser für den Bruchteil einer Sekunde über der Tischplatte schweben konnten.

Umso tragischer war sein Schicksal nach seinem Schlaganfall vor knapp 14 Jahren. Für Klaas war immer klar – sein Ende musste im Streit’s Studio kommen. Nüchtern oder nicht – egal. Hauptsache plötzlich von einem Barhocker fallend.
Dieses Ende war ihm nicht vergönnt. Der Schlaganfall nahm ihm die Stimme – genau das worüber er sich identifizierte und womit wir ihn alle verbanden: dieses dröhnende, sonore nordische Nebelhorn.

Kommunikation wurde so gut wie unmöglich und ich muss gestehen, dass ich feige war, ihn noch zu treffen. Zu sehr verkörperte er die Vergänglichkeit und was sie selbst aus dem stärkstem Mann machen konnte.
Klaas musste sich dieser Vergänglichkeit stellen und dies zu tun, ohne den Lebenswillen zu verlieren, war wohl seine größte Leistung – immer unterstützt von seiner Tochter Eike, die wahrhaftig für ihren Klaas gekämpft hat.
Er sah letztendlich, wie sein „Wohnzimmer“, das Streit’s, dem Kommerz geopfert wurde, er spürte sicherlich, wie die Branche sich nach seinem Abschied veränderte und im Januar musste er nun auch noch von seinem alten Mitstreiter Gert Abschied nehmen. Wer ihn in Ohlsdorf erlebte, hat vielleicht ein wenig gespürt, was in ihm vor sich ging.
Am Ende wollte er Gert wohl doch nicht ganz allein gehen lassen und wenn es irgendein Jenseits geben sollte, werden jetzt dort turbulente Zeiten anbrechen …

Johannes Blunck

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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/03/17/so-einen-hat-frau-merkel-nicht/
** „Pinkies“ werden die allerfrühesten Pressevorführungen genannt, die für Wochen- und Monatsmagazine in sehr erlesenem Kreis veranstaltet werden. Zu Klaas‘ Zeiten geschah dies im kleinen Studio des „Streit’s“, einem urigen Vorführraum mit Bar und dem Charme eines 70er-Jahre-Tatortes. Der Begriff geht auf die Präsentation des Films „The Pink Panther“ im Jahre 1964 zurück, wie mir Klaas erzählte. (M. A.)

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