Broadway’s Like That (46): Der Frauenversteher Jule Styne (iii)

15. Das Ende der Tin Pan Alley (5)

Wieder lieferte das Showgeschäft, das eigene Genre, den Hintergrund für Stynes “Funny Girl” von 1964. Das „Funny Girl“ ist Fanny Brice, die vor allem aus den Ziegfeld Follies bekannte Komikerin und Sängerin. Ihrer Biografie ist das Musical gewidmet. Verkörpert wurde Fanny Brice von der 21jährigen Barbra Streisand, die ihren frisch erworbenen Starruhm damit noch vergrößern konnte. Wie Mama Rose ist auch das „Funny Girl“ ein von Ehrgeiz und Durchsetzungswillen geprägtes Energiebündel. Noch ist sie das hässliche Entlein, doch sie kennt ihre Qualitäten und weiß in einer berühmten Comedy-Nummer zu Beginn der Show: „I’m The Greatest Star“. Und ein Star wurde Fanny, doch ihre Komik war weitaus bizarrer, als es die Neu-Interpretation der (Nase hin oder her) bildschönen Barbra Streisand vermuten lässt. In „Everybody Sing!“, einem frühen MGM-Musical mit Judy Farland, können wir uns ein Bild davon machen. In Fannys schräger Solonummer „Quainty Dainty Me“ sind einige ihrer Manierismen zu sehen, die im Film „Funny Girl“ zumindest angedeutet werden.
Die Bühnen-Fanny legt im Privatleben die selbe Unbedingtheit an den Tag wie im Beruf. Um sich den Mann ihrer Träume zu sichern, lässt sie alles stehen und liegen und reist ihm nach. Nichts soll sich ihr in den Weg stellen: „Don’t Rain On My Parade!“
Auch hier zeigen sich Ähnlichkeiten zu „Gypsy“, Ähnlichkeiten musikalischer Art. Styne verwendet nämlich die selbe Technik, einzelne Glieder von Songs an anderer Stelle sinnstiftend zu wiederholen. So bezieht sich „Don’t Rain On My Parade“ musikalisch auf „I’m The Greatest Star“ zurück.

Ebenfalls mit einer historischen Person – diesmal nicht aus dem Showgeschäft sondern aus der Politik – hatte sich 1959 das Musical „Fiorello!“ befasst.

Fiorello_selectionFAls es noch für jedermann käufliche gedruckte Klavierauszüge der wichtigsten aktuellen Broadway-Musicals gab, waren die dazugehörigen „Voval Selections“ schmale Heftchen, die nur die Refrains der wichtigsten Songs in einfacher Notierung enthielten, aber immerhin mit ein Paar Bühnenfotos und dem Plakatmotiv auf dem Cover aufwarteten. Heute haben wir es mit einer Mischform dieser beiden Varianten zu tun, wenn Musical-Noten (was selten genug geschieht) in gedruckter Form verkauft werden.

„Fiorello!“ war die zweite gemeinsame Arbeit und der erste Erfolg des Komponisten Jerry Bock und des Texters Sheldon Harnick. Nach „Of Thee I Sing“ und „South Pacific“ erhielt “Fiorello!” als drittes Musical überhaupt sogar den Pulitzer-Preis für Drama. Das Musical zeichnet den Werdegang des legendären New Yorker Bürgermeisters Fiorello LaGuardia bis zu seinem schließlichen Amtsantritt im Jahre 1933 nach. Der Rivale und Amtsvorgänger des ehrenhaften, energiegeladenen LaGuardia war der smarte, etwas halbseidene Jimmy Walker, ein Bürgermeister New Yorks, so perfekt in die Roaring Twenties passend, dass ihn ein Librettist nicht besser hätte erfinden können. Den „Gentleman Jimmy“ charakterisiert ein Song zu seinen Ehren, aufgeführt auf einer Wahlkampfparty vom eigens engagierten Broadwaystar samt Chorus Line. Natürlich kleidet Jerry Bock diese Eloge auf Walker in einen Charleston, das musikalische Symbol der 20er. Sheldon Harnick macht sich den Spaß, sich auf einen Songtext zu beziehen, der historische Jimmy Walker einmal verfasst hat und der den markanten Titel trägt: „Will You Love In December As You Did In May?“
Den dynamischen LaGuardia lernen wir zu Beginn des Stückes und seiner Karriere als menschenfreundlichen und engagierten Anwalt kennen. Im Song „Unfair“ lehrt er die für bessere Arbeitsbedingungen streikenden Textilarbeiterinnen, sich lautstark bemerkbar zu machen. Kein Zweifel: Mit dieser ansteckenden Energie wird Fiorello später auch der korrupten Stadtregierung das Handwerk legen können.

Forts. folgt

 

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