Die schönsten Comics, die ich kenne (12): „The Fantastic Four“ # 41 – 51 + Fantasic Four Annual #3 (ii)

Fortsetzung vom 24. Februar

Stan Lee selbst erblickte in diesen Seiten in fröhlicher Unbescheidenheit „das Beste, wofür Marvel steht“: „drama, suspense, excitement, humor, and cosmic concepts“. Das Abenteuer beginnt in den rauchenden Trümmern eines soeben überstandenen Kampfes mit Dr. Doom. (Hat man jemals von Superhelden gehört, die nachher aufräumen und sich auch noch vor ihrem Vermieter rechtfertigen müssen?) Ben Grimm, der unter seinem Monster-Status leidet, hat sich abgewandt und verlässt die Truppe, um sich wenig später den „furchbaren Vier“ anzuschließen. Auf der Eröffnungsseite ist er im Vordergrund zu sehen, und in seiner Stein-Struktur sind die letzten Spuren von Jack Kirbys Frühphase zu erkennen. 13 Hefte später wird davon nichts mehr zu sehen sein und sich der Stil des Meisters vollends perfektioniert haben.*

Mit seinem Strich hat Jack Kirby auch das Layout stetig verfeinert. In den frühen 40er Jahren, als Captain America gegen die Nazis kämpfte, erforderte es Kirbys Temperament, dass die Figuren immer in Bewegung waren. Im Silver Age brauchte seine Dynamik keine Action mehr, um jederzeit spürbar zu sein. „Die Fantastischen Vier“ sind von Anfang an gespickt mit stillen, kammerspielartigen Momenten: privaten Situationen im Baxter Building oder den Reaktionen der New Yorker Bürger, die einen ihrer kostümierten Lieblinge auf der Straße erkennen und ihn wie einen Popstar umringen – was naheligenderweise zumeist Ben Grimm, dem Ding passiert. Diese Kampfpausen mögen dem heutigen Leser redundant erscheinen, doch das trügt. Sie bilden den Kern von Stan Lees Erfolgsrezept, wie die Zeichnerin Ramona Fradon erläuterte**: „Wir können uns Superman nicht mit Neurosen, Zweifeln oder Ängsten vorstellen. Und das galt für alle Figuren von DC. Der Unterschied zwischen Marvel und DC erinnert an das griechische Drama, in dem die Götter im Himmel residierten und nicht in Frage gestellt wurden – bis Euripides kam und beschloss, sie zu analysieren, sie menschlicher zu machen und auf unsere Stufe herunterzuholen. Dasselbe hat Marvel mit den Superhelden gemacht. Vielleicht war die Zeit reif. Irgendwann mussten die Leute anfangen, sich zu fragen, was diese Figuren nach Feierabend taten.“

Coming Of Galactus_Hachette
Das Finale des heute behandelten Abenteuers wird immer wieder gern nachgedruckt, aber selten so sorgfältig und umfassend wie hier. Das Motiv mit dem „klavierspielenden“ Unhold aus dem All zierte ursprünglich das Cover der FV #49 bzw. Nr. 45.
ALL IMAGES AND CHARACTERS  TM & © MARVEL ENTERTAINMENT, LLC

Wir lesen einige besonders berührende Schlüsselszenen, z.B. wenn Johnny Storm auf seinem Bett liegt und versucht, sich telefonisch mit einem Mädchen namens Doris zu verabreden, während eine kleine spielerische Flamme aus deinem Finger züngelt. Es kommt nicht zu der Verabredung, und noch am selben Abend wird er seine große Liebe Crystal kennenlernen und den Leser wissen lassen: „Ich will nicht gemein sein, aber gegen dieses Mädchen sieht  Doris Evans wie ein Junge aus.“
Das letzte Kapitel (# 51 / Nr. 47 „Dieser Mann … dieses Monster!“) beginnt mit einer der berühmtesten aller Marvel-Eröffnungsseiten: der todtraurige Ben Grimm ist unterwegs auf New Yorks nächtlichen, regennassen Straßen. Ein Streifenwagen hält – die Polizisten haben das diesmal nicht mit Trenchcoat getarnte Ding erkannt, und einer der Beamten ruft durchs heruntergekurbelte Fenster: „Sollen wir dich mitnehmen? Du kannst dir ’nen Schnupfen holen.“ Ben weist das kameradschaftliche Angebot zurück: „Ein normaler Mensch, meint ihr. Das Wetter macht mir nichts!“ – „Stimmt was nicht? Du siehst bedrückt aus.“ – „Würdet ihr auch, wenn ihr so ein Gesicht hättet. – Ach, kümmert euch nicht um mich! Mir geht’s gut! Wird schon wieder! Bis später!“ Die Polizisten fahren weiter. Ohne es zu bemerken, ist unser Held einer Suggestion zum Haus eines namenlos bleibenden Wissenschaftlers gefolgt, der ihn nun hereinbittet, damit er sich aufwärmen kann. Er wird Bens Kummer beenden, wenn auch nur für kurze Zeit, und ihm seine Superkräfte rauben, ihm seine Menschlichkeit zurückgeben. Am Ende wird um Haaresbreite alles wieder beim Alten sein – und Ben Grimm wird sich mit der Idee erst einmal abgefunden haben, das Ding zu sein. Die letzten Reste seiner anfänglichen Absatzbewegungen von der Gruppe sind beigelegt, die inhaltliche Klammer hat sich geschlossen.
Solche leisen Momente halten das Marvel-typische menschliche Element lebendig und sind auch für die eigentliche Geschichte niemals unwichtig. Mit dem Generationswechsel zu Beginn des Bronze Age in den frühen 70er Jahren begannen sie, in den Hintergrund zu treten.

______________________________
* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2017/02/06/das-unerbittliche-kinderauge/
** In der TV-Dokumentation „Superheroes: Die ewige Schlacht“ von Patty und Jay Baker, Ghost Light Films Inc. 2013

Dieser Beitrag wurde unter Comic, Marvel, Popkultur, Science Fiction abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Eine Antwort auf Die schönsten Comics, die ich kenne (12): „The Fantastic Four“ # 41 – 51 + Fantasic Four Annual #3 (ii)

  1. Pingback: Silver Surfer (1/3) - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>