Hitchcock – The Musical

betr.: Jens Wawrczeck hat „Fenster zum Hof“ zu einem Hörbuch gemacht*

Fenster zum Hof_Hörbuch_F

“And from this confusion I dreamed up a grand illusion”
.                                                                           Tenement Symphony

In einer Zeit in der der Nachtitel “- The Musical” uns widerstandslos durch die Ohren weht, ist der Hinweis möglicherweise recht amüsant, dass Hitchcock sich so etwas wie ein Musical vorgestellt hat, als er über den Soundtrack für seinen Kultfilm “Rear Window” nachdachte. So instruierte er auch seinen Mitarbeiter Franz Waxman. Das war eine gute Wahl. Erstens hatte Waxman in Berlin Jazz gespielt und Songs geschrieben, ehe er vor den Nazis nach Hollywood floh, zweitens hatte er in den 40er Jahren schon dreimal für den Regisseur gearbeitet – mit grandiosen Scores für unterschiedlich große Filme.
Trotzdem ging die Sache irgendwie schief. Aus Gründen, die sich nicht mehr feststellen lassen, schrieb Waxman schließlich nur Szenenmusik für “Fenster zum Hof”, und der Score war gespickt mit Zusammengesuchtem – ganz im Stil von Woody Allen, der das Zusammenleben in New York knapp 25 Jahre später filmisch verarbeiten sollte.

AgentenschreckEin Beobachter, der so klingt wie James Stewart (links) – zeitgenössische Anspielung auf „Rear Window“ in dem Filmmusical „Artists And Models“.

Das amerikanische Musiktheater verdankt seine Entstehung ganz wesentlich dem engen Zusammenleben unterschiedlichster Menschen im Melting Pot New York der Wende zum 20. Jahrhundert. Der Song “Tenement Symphony” von Sid Kuller & Ray Golden beschreibt diese musikalische Dauerbeschallung und gegenseitige kulturelle Beeinflussung aus den Nachbarwohnungen an der Lower East Side. Hitchcocks Geschichte spielt ebenfalls in einem Künstlerviertel: in Greewnwich Village. Hitchcock baute die archetypische Figur des Musikers, der für alle hörbar an seinem neuen Song arbeitet, sogar in die Handlung ein.  Das Liebespaar im Zentrum des Films bezieht die Mühen dieses Schaffensprozesses auf die eigene, nicht immer leichte Beziehung. Als der Song endlich fertig ist – er heißt „Lisa“, wie die von Grace Kelly gespielte Heldin – ist auch die Beziehung erst einmal gerettet. Doch Hitchcock gibt uns im Schlußbild einen für ihn nicht untypischen Vorgeschmack auf die baldige Wiederaufnahme der Reibereien.

Bis es soweit ist, hören wir Bing Crosby mit einem Song, den er zwei Jahre zuvor in „Road to Bali“ Dorothy Lamour vorgesungen hatte, „To See You Is To Love You“. Während die Originalaufnahme aus einem der Fenster durch den Innenhof hallt, empfängt „Miss Lonelyhearts“ einen imaginären Gast. Als sie tatsächlich einen solchen empfängt und wieder hinauswirft, singt eine betrunkene Partygesellschaft „Mona Lisa“, den großen Hit von Nat „King“ Cole. Aber es gibt in „Rear Window“ auch Zitate richtiger Musical-Komponisten. Aus einer Jukebox ertönt der Dean Martin-Hit „That’s Amore“ – die Retourkutsche findet sich im Jahr darauf in dessen Filmkomödie „Artists And Models“, als ein James Stewart-Parodist mit einem Teleobjektiv durch ein „Rear Window“ in Greenwich Village spioniert.
Wir hören ein paar Takte aus Leonard Bernsteins Ballett „Fancy Free“. Passend zu dessen Handlung, die Bernstein später in seinem Musical „On The Town“ wieder aufgegriffen hat, sehen wir dazu die sportliche „Miss Torso“ bei ihren Gymnastik-Übungen – eine Dame, die treu auf ihren heimkehrenden Matrosen wartet. Der Song „Lisa“ wurde von Harold Rome beigesteuert. Und auch aus seinem eigenen Werk zitiert Franz Waxman. Wir hören sein Fugato aus „A Place In The Sun“, einem Film mit Raymond Burr – möglicherweise ein Gruß an den finsteren Nachbarn von gegenüber.

Ein Musical ist „Rear Window“ nicht geworden, aber ein hochinteressantes musikalisches Ereignis – im Jahr vor Hitchcocks Zusammenkunft mit dem musikalischen Gesamtkunstwerker Bernard Herrmann, mit dem sich der Film sicher völlig anders angehört hätte.

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* „Fenster zum Hof“ – Eine Erzählung von Cornell Woolrich, gelesen von Jens Wawrczeck, CD, Preis 14,95 € / Edition Audoba

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