Broadway’s Like That (48): Abgesang mit dem „Rat Pack“

15. Das Ende der Tin Pan Alley (7)

Frank Sinatra und sein „Rat Pack“ waren mit ihrer legendären Konzertreihe in Las Vegas und einer Handvoll Filmen die letzte und letztmalig siegreiche Sturmtruppe des Old School Entertainment gegen den Rock’n’Roll und die von ihm angeregte neue Popmusik aus Europa. Dann dann fegten die Swingin‘ Sixties jene Musikrichtung beiseite, nach der sie benannt waren.
1964 eroberten britische Beat-Bands schlagartig die amerikanischen Hitparaden – noch setzte sich bei der Grammy-Verleihung für den besten Song des Jahres die Titelmelodie des Jerry-Herman-Musicals „Hello Dolly“ gegen „A Hard Day’s Night“ von den Beatles durch, aber die alten Meister des Broadway räumten das Feld. Leonard Bernstein widmete sich seinen zahlreichen Tätigkeiten auf dem klassischen Sektor, Cole Porter hatte sich schon einige Jahre lang zurückgezogen, als er in jenem Jahr starb. Das letzte Musical des greisen Irving Berlin – ein John F. Kennedy gewidmetes Werk namens „Mr. President“ – war ein Misserfolg gewesen. Richard Rodgers sollte mit keinem Songtexter zu einer ähnlich erfolgsträchtigen Zusammenarbeit wie mit Lorenz Hart oder Oscar Hammerstein II finden, Frederick Loewe gab das Komponieren ganz auf, ebenso Harry Warren, der im neuen Sound gar nichts Musikalisches mehr erblicken mochte.

Es kam zu einem Generationswechsel am Broadway, der jedoch nichts daran änderte, dass Musical und Popkultur sich auseinandergelebt hatten. Es gelang nur ganz wenigen der neuen Garde, sich überhaupt dauerhaft durchzusetzen – z.B. John Kander oder Cy Coleman. Unter ihnen zeigte aber allenfalls Stephen Sondheim ein Interesse daran, dem Genre neue Horizonte zu eröffnen. Frank Loesser glückte nach „How To Succeed In Business Without Really Trying“ kein großer Wurf mehr, Meredith Willson oder Mitch Leigh erlebten nach fulminantem Einstand einen jähen Karriereknick, Burt Bacharach beließ es bei einer kurzen Stippvisite am Broadway.
Der Komponist Charles Strouse – dessen populärstes Werk „Annie“ von 1977 werden sollte – verhöhnte den Rock’n’Roll 1960 mit „Bye Bye Birdie“. Hier wird die Geschichte des rockenden Teenageridols Conrad Birdie zum Anlaß genommen, den aktuellen Stil zumindest parodistisch aufzugreifen. Ein knappes Jahrzehnt sollte es noch dauern, bis im Musical wirklich ein neuer Sound zu hören war.

Weit weg vom Broadway – auf der europäischen Kinoleinwand – gab es inzwischen so etwas wie einen neuen Musical-Stil, aber er blieb ein Nischenereignis.
Der Komponist Michel Legrand ist heute zum einen durch seine Filmmusiken in Erinnerung (darunter einige, die große Songs mitbrachten) und seit dem Filmmusical „Yentl“ (1983) einer der Lieblingskomponisten von Barbra Streisand. Legrands ambitionierteste Arbeit auf dem Gebiet des Musicals ist jedoch „Les Parapluies de Cherbourg“, eine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Algerienkrieges.
In diesem französischen Filmerfolg von 1964 ließ der Regisseur und Textdichter Jacques Demy alle Dialoge singen – auch die banalsten Wortwechsel: „Ist mein Wagen fertig?“ fragt da einer, und der Monteur trällert zurück: „Ja, der Motor ist noch etwas laut, aber das ist immer so, wenn er kalt ist.“ Cathérine Deneuve spielt hier ihre erste Filmrolle. Die Handlung erstreckt sich vom Jahr 1957 bis in die damalige Gegenwart, und das große Liebesthema – geronnen zu einem Song, den die Amerikaner „I Will Wait For You“ nennen – erhielt eine Oscar-Nominierung.
Forts. folgt

 

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