Broadway’s Like That (49): „Life is a Cabaret“

betr.: 90. Geburtstag von John Kander

Der Komponist John Kander und der Texter Fred Ebb arbeiteten 40 Jahre zusammen, und bis zum Tode Ebbs im September 2004 waren sie offiziell aktiv. Ihren letzten Musicalerfolg erlebten sie bereits 1993 mit „Kiss Of The Spiderwoman“ – und natürlich mit der oscardekorierten Filmversion ihres Klassikers „Chicago“.

16. Neue Namen, neue Formen (1)

Die wenigen Musical-Welterfolge der 60er Jahre fanden in der Regel auch den Weg auf die Leinwand. „Cabaret“ hat es in beiden Erscheinungsformen zum Klassiker gebracht.
Produzent und Regisseur der Broadwayshow war Harold Prince, der zuvor ebenfalls „Fiddler On The Roof“ produziert hatte. Auch die Konzeption des Librettos zu „Cabaret“ von Joe Masteroff hat Prince wesentlich beeinflusst.
Die Handlung basiert auf einem Schauspiel, das sich wiederum auf Erzählungen von Christopher Isherwood über das Berlin der verfallenden Weimarer Republik gründet. Für eine den Aufstieg des Nationalsozialismus begleitende Dekadenz, die das Stück konstatiert – den gefährlichen „Tanz auf dem Vulkan“ – steht in „Cabaret“ eine Metapher: ein schäbiger Berliner Nachtclub mit einem marionettenhaften, grellen, anzüglichen Conférencier. Diesen gelackten Zeremonienmeister hatte Prince übrigens einem echten Conférencier, den er in einem deutschen Nachkriegs-Nachtclub erlebt hatte, nachempfunden. Sowohl in der ursprünglichen Bühnenfassung als auch in der erheblich veränderten Filmversion von 1972 (in der „Cabaret“ kein Konzeptmusical mehr, sondern ein linear erzähltes Drama ist) spielte Joel Grey diese Rolle. Sein Opening „Wilkommen“ (sic!) gehört zu jenen Nummern, die sich längst völlig aus ihrem Kontext gelöst und in den geflügelten musikalischen Zitatenschatz begeben haben. Dieser Zeremonienmeister ist ein rätselhafter, dämonischer Charakter, den wir niemals privat zu Gesicht bekommen. Jeder, der diese Rolle heute spielt – und Gelegenheit dazu gibt es zahlreich, denn das Stück behauptet sich seit Jahrzehnten auf unseren Spielplänen – muss sich gegen Joel Greys definitive Originalinterpretation behaupten.

Die übergreifende Nachtclub-Metapher bleibt das ganze Stück über präsent und bricht mit vulgären Nachtclub-Sequenzen die Handlung immer wieder auf. Zwar gibt es noch eine konventionelle Handlung in „Cabaret“ – sie bedient sich sogar des Stereotyps der zwei Paare – doch das stereotype Happy End bleibt beiden Paaren verwehrt. Die rührend-komische Liebesgeschichte des ältlichen Fräulein Schneider mit dem jüdischen Gemüsehändler zerbricht, da sich Fräulein Schneider dem bedrohlich gewordenen antisemitischen Druck nicht gewachsen fühlt. Die Zeitzeugin und Kurt Weill-Witwe Lotte Lenya ist das Fräulein Schneider der originalen Produktion – im Film war diese Figur nur mehr eine Komparsenrolle. Sie versucht den Konflikt zu erklären: „What Would You Do?“
Auch die Liebesgeschichte zwischen dem amerikanischen Schriftsteller und der flatterhaften, bedenkenlosen Nachtclubsängerin Sally Bowles findet kein gutes Ende. Er geht in die Staaten zurück, sie wartet weiter auf die große Karriere. In einer Mischung aus Trotz und Verzweiflung verkündet sie: Das ganze Leben ist ein Kabarett. Dazu passt die Ironie, dass diese Traumrolle der originalen Sally Jil Haworth keinen Ruhm bescherte.

Forts. folgt

 

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