The Later Animated Years – Jack Kirby beim Fernsehen

betr.: 16. Todestag von William Hanna / 106. Geburtstag von Joseph Barbera (übermorgen) / Jack Kirby / „Dexter’s Laboratory“

Es war Anfang der 80er Jahre. Ich war begeistert, als mir ein Nachbarsjunge auf dem soeben marktreifen Videorecorder seiner Eltern eine Zeichentrick-Version der „Fantastischen Vier“ zeigten wollte. Mich traf fast der Schlag: die menschliche Fackel war in dieser Billig-Produktion durch einen kleinen Roboter namens Herbie ersetzt worden. An diesem Tag habe ich gelernt, dass Verfilmungen nicht zwangsläufig lustiger sind als die gedruckte Version. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass diese Verminderung meiner Helden in Zusammenarbeit mit ihrem Schöpfer Jack Kirby geschehen war, der in jenen Tagen für das mir wohlbekannte Trickfilmstudio Hanna-Barbera arbeitete. (Diese hatten 1967 bereits eine FV-Serie mit der Originalbesetzung herausgebracht; ich hatte die Wiederauflage „The New Fantasic Four“ zu Gesicht bekommen.)

Bill Hanna und Joseph Barbera hatten sich nach der Auflösung der Trickfilmabteilung von MGM, für die sie einst „Tom & Jerry“ geschaffen hatten, selbständig gemacht und stellten seit Jahrzehnten erfolgreich Cartoons fürs Fernsehen her. Mit einem Budget von 35.000 Dollar pro Folge spuckten sie TV-Cartoons aus wie eine Kette von Würstchen (- darunter nicht wenige Perlen). Sie bedienten sich der Tricks der „limited animation“, die in den 50er Jahren das UPA-Studio (United Productions of America) herausgearbeitet hatte und legten den Grundstein für die heute übliche (inzwischen computergestützte) Verfahrensweise.
Jack Kirby hatte sich damals – 1978 – eben zum zweiten Mal und diesmal endgültig von Stan Lee und Marvel getrennt. Da er ohnehin in Kalifornien lebte, ließ er sich von Hanna-Barbera unter Vertrag nehmen. Nach einigen internen Auseinandersetzungen mit seinen neuen Arbeitgebern landete Kirby bei DePatie-Freleng Enterprises, das sich nach einem großen Erfolg inzwischen mit Hanna-Barbera verbunden hatte. Kirby war nun gewissermaßen zurück bei seinen Anfängen: 1935 hatte er in den Fleischer-Studios an den Trickfilmen um „Betty Boop“ und „Popeye“ mitgearbeitet.
Die eingangs geschilderte Umbesetzung bei den „Fantatischen Vier“ war allerdings nicht allein seine Schuld. Rechtliche Verschiebungen hatten dazu geführt, dass der Charakter der „menschlichen Fackel“ an eine andere Filmgesellschaft gefallen war. So behalf man sich mit einem Ersatz, der nach den Fans von „Star Wars“ und dem rollenden Tischmülleimer R2-D2 schielte. (Ursprünglich hätte Herbie ZZ123 heißen sollen.)
Nach einer Staffel war Schluss.
Kirby betreute nun u.a. die „Thundarr-Show“ als Storyboard-Zeichner.
Ironischerweise wurde das DePatie-Freleng Studio 1981 an Marvel verkauft, und Stan Lee zog ebenfalls an die Westküste, um sich um die Filmprojekte zu kümmern.
Im selben Jahr ging Kirby zu „Pacific Comics“, einem jungen aufstrebenden Verlag, der mit günstigen Konditionen berühmte Zeichner einsammelte. Er traf hier auf Spitzenkräfte wie Neal Adams und Bernie Wrightson und schuf „Captain Victory And The Galactic Rangers“.

In der mir zugänglichen Fachliteratur über das Hanna-Barbera Studio wird Jack Kirby nicht oder allenfalls als Mit-Urheber der literarischen Vorlage zur „Fantastic Four“-Serie erwähnt. In der Tat spielte er ab 1996, bald nach seinem Tod, noch einmal eine wesentliche, wenn auch ungenannte Rolle im Programm des Studios: als Vorbild für „Dexter’s Laboratory“; das war einer der „New Cartoons“, die – zusammen mit Hanna-Barbara-Klassikern wie „Familie Feuerstein“ oder „Scooby-Doo“ – auf Cartoon Network präsentiert wurden. Dexter-Schöpfer Genndy Tartakovsky ist ein offensichtlicher Verehrer Jack Kirbys. Seine Geschichte um einen blasierten sechsjährigen Wunderknaben, der unbemerkt von seinen Eltern eine gewaltige Werkstatt mit der sensationellsten Raumtechnik unter dem Heim der Familie errichtet hat, ist eine einzige Parodie auf Kirby und seine Maschinenwelten. Aber damit nicht genug: hin und wieder huldigt Tartakovsky seinem Idol auch ganz direkt. In „Comic Stripper“ bekämpft Dexter seinen Lieblingsfeind und Schulkameraden Mandark mit einschlägigen Gerätschaften, und „Comic Relief“ ist weitgehend in Standbildern im Kirby-Stil und mit Sprechblasen gestaltet. Der Film zeigt den kleinen Dexter als Comic-Sammler, der sich mittels seiner neuesten Erfindung zum Erwachsenen und zum Helden eines eigenen Comics verwandelt. Das Ende ist fürchterlich. Eine Superschurkin namens Deestructa dringt ins Labor ein und verwüstet es. Diese Furie ist das Alter Ego von Dexters unausstehlicher Schwester Dee Dee, die sein Geheimnis kennt und ihm ständig mit ihrem Girlie-Getue und ihrer Angewohnheit, im Labor auf gefährliche Knöpfe zu drücken, den letzten Nerv raubt.

Dexter-by-Kirby-ComicDer gleiche Kummer im Himmel wie auf Erden für den Wunderknaben Dexter: Genndy Tartakovskys tiefste Verneigung vor Jack Kirby in „Comic Relief“, einem Trickfilm zum Lesen (Copyright by Cartoon Network, 2002)

Das „Dexter“-Spin-Off „The Justice Friends“ erzählt von einer Superhelden-WG, die auf die „ruhmreichen Rächer“ verweist. Man ahnt, wer sich hinter dem blauhäutigen Kraftmenschen Crunk, dem patriotischen Major Glory und Valhallen, dem nordischen Gott mit der magischen E-Gitarre, verbirgt.

Dexter feat. Justice FriendsDexters liebste Helden „The Justice Friends“, hier umgesetzt von David Smith, hatten ihre eigene Serie innerhalb seiner Serie. (Copyright by Cartoon Network, 2002)

Eine weitere Serie innerhalb des Dexter-Formates ist „Dial M For Monkey“, in dem Dexters intelligenter Labor-Affe eigene Superhelden-Abenteuer besteht. Eines davon, „Barbequor“, hat den Silver Surfer zu Gast.

„Dexter’s Laboratory“ war für mich ein beglückendes Kuriosum: es brachte mich der Freude, die ich beim Lesen von Kirbys Comics empfunden habe, deutlich näher als deren direkte Trickfilm-Adaption.

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