Ein kurzer Blick ins Paradies

betr.: 106. Geburtstag von Joseph Barbera  / 16. Todestag von William Hanna (vorgestern) / Cartoon Network

1992 übernahm „Turner Broadcasting“ das bankrotte Hanna-Barbera-Studio und dessen Filmarchiv, um damit seine Neugründung „Cartoon Network“ zu bestücken. Außerdem durfte sich der Sender bei den Cartoons von Warner Brothers bedienen. Fünf Jahre lang ließ man diese Oldies rotieren, die man intern als „tote Bibliothek“ betrachtete.

Doch der alte Stoff war nicht die allerschlechteste Wahl. Der Versuch, den amerikanischen Zeichentrickfilm zu modernisieren und zu beschleunigen, war unlängst schon einmal unter der Produktionsherrschaft von Hollywoods hauptberuflichem Kindskopf Steven Spielberg an den Start gegangen. Die Idee, den ohnehin (vor-)pubertären Warner Cartoon-Stars um Bugs Bunny und Daffy Duck noch ungezogenere Kinder zur Seite zu stellen, die „Tiny Toons“, ging kommerziell, aber nicht künstlerisch auf. Im durchgehend verzappelten Dauerlärm der Serie verschwammen die Übergänge zwischen den Abenteuern. Wer sich ein bisschen konzentrierte, fand die Position sämtlicher Pointen, hatte aber nicht unbedingt etwas zu lachen.
Als man 1997 bei Cartoon Network begann, eigene Trickserien zu produzieren, stellte man es raffinierter an.

Der Sender verpflichtete Zeichner, die nicht einmal zwingend jung sein mussten, mit frischen, innovativen Konzepten. Es waren Künstler von zwanzig bis siebzig Jahren – eine aus heutiger Sicht abenteuerliche Toleranz.
Sie zahlte sich aus: es entstanden freche, zeitweise drastische Cartoons um krude Figuren mit eckigen Körpern und zackigen Mäulern. Sie bildeten einen denkbar krassen Gegensatz zum gefälligen Look der Hanna-Barbera-Klassiker „Top Cat“ oder „Yogi Bär“ in ihrem Programmumfeld, doch sie waren nicht einfach nur schrill und laut. Sie hatten Poesie und Tiefgang oder – um es mit Christian Dietrich Grabbe zu sagen – „Scherz, Satire, Ironie und tiefere Bedeutung“. (Letztere fand sich vor allem in den wunderschönen Abenteuern um den einsamen Zeitreisenden „Samurai Jack“.) Sie folgten dem Prinzip „gut definierte, komplizierte Figuren in relativ simplen Situationen – nicht andersherum!“
Im Jahre 2000 zogen die Ateliers aus den Warner-Studios in eigene Räumlichkeiten in Burbank um – in jene Stadt, die Carl Barks als Vorbild für sein Entenhausen gedient hat.

“Kinder sind nicht die süßen Knuddel-Geschöpfe, die unsere Fantasie bisweilen aus ihnen macht“, erzählte der Programmverantwortliche Jim Samples 2006, sie seien „menschliche Wesen“.
Für wenige Jahre – ehe man ganz genau wusste, was konventionell genug war, um kommerziell funktionieren zu müssen, – erlebte der Zuschauer eine märchenhafte Kombination aus Old School wie „Tom und Jerry“ und „Familie Feuerstein“ und wagemutigen Experimenten wie „Dexter’s Laboratory“*, „The Grim Adventures Of Billy And Mandy“ (in dem sich ein Geschwisterpaar mit dem Sensenmann angefreundet hat) oder „Cow And Chicken“** (deren menschliche Eltern solche Erziehungsversager sind, dass es sich erst gar nicht lohnt, sie von der Hüfte abwärts bildlich darzustellen). Ich konnte dieses Programm mit seinem dualen System einige Jahre lang über Satellit genießen, ehe es verschlüsselt wurde.

Bald verkaufte Cartoon Network seine Helden in 160 Länder – bei uns lief ab Herbst 2015 im samstäglichen Frühprogramm von Kabel 1 ein sechsstündiger Cartoon-Network-Block. Die Lizenznehmer suchten sich natürlich ihr jeweiliges Programm zusammen. Weltweit sind es wohl vor allem Jungs, die Cartoons konsumieren, auch wenn Mädchen die Hauptrollen spielen, wie z.B. in den „Powerpuff Girls“. In Deutschland und Skandinavien schreckte man besonders vor aggressiven Inhalten zurück, die in südlichen Ländern niemanden störten, „britische Kinder“ galten den Vertriebsleuten als „anspruchsvoll“ (was immer die erwachsenen Entscheidungsträger darunter verstehen mochten). Wirklich Brutales wurde ohnehin kaum produziert, aber die auch anarchische Verwegenheit der frühen Tage ging mit zunehmender Erfahrung zurück, die Kanten glätteten sich. Ein typisches Beispiel für das Produktionsjahr 2004 war Craig McCrackens pfiffiges aber kreuzbraves „Foster’s Home For Imaginary Friends“, aus dem den Betrachter vor allem weit geöffnete Kulleraugen anzwinkerten.

In den Jahren davor war der amerikanische Cartoon so innovativ wie seit den frühen 50ern nicht mehr.

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2017/03/22/the-later-animated-years-jack-kirby-beim-fernsehen/
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2014/09/15/zu-wahr-um-schoen-zu-sein/

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