Comics für junge Erwachsene

betr.: 91. Geburtstag von Gil Kane (†)

Während Produkte für Kinder sich durch zusammengesetzte Hauptwörter bemerkbar machen – „Jugendliteratur“, „Kinderprogramm“ … – gelten Comics noch immer zuallererst als Lektüre für junge Leute, und man trifft umgekehrt auf die Bezeichnung „Comics für Erwachsene“.
Um die Jahrhundertwende, in den ersten Jahren ihrer Existenz, als sie nur in Zeitungen veröffentlicht wurden, waren Comic Strips Satiren, die sich nur an Erwachsene richteten.
Das Auftreten der Superhelden Ende der 30er Jahre öffnete das Medium im großen Stil für die jugendlichen Zielgruppen. Ironischerweise war es das berühmt-berüchtigte Buch „Seduction Of The Innocent“ mit seinem ausdrücklichen Ziel, die Jugend vor schädlichen Einflüssen durch explizite Grausamkeit (vor allem) in Horror-Comics zu schützen, welches Mitte der 50er Jahre den Comic als solchen nachhaltig in die Kinder- und Jugendecke verwies. Durch die freiwillige Selbstzensur, der sich die amerikanische Comic-Branche nun unterwarf und die von der Comics Code Authority überwacht wurde, wurde der Kreativität ein Riegel vorgeschoben, der nicht nur Horror- und Actionserien einschränkte und der Comics für die erwachsene Leserschaft endgültig uninteressant werden ließ.
Gil Kane fiel die historische Rolle zu, den Comic zu zeichnen, der 25 Jahre später das Ende dieser Trübsal einläutete – und der noch einiges mehr bewirkte.

Seit 1955 verbot die Comics Code Authority jede Darstellung illegaler Drogen. Als Richard Nixon 1970 Drogen zum Staatsfeind Nr. 1 erklärte, galt dieses Verbot immer noch. Stan Lee liebt es eine Geschichte zu erzählen, die ihm in jenen Tagen passierte:

Ich bekam einen Brief aus Washington vom Ministerium für Gesundheit, Erziehung und Wohlfahrt. Sie schrieben ungefähr: „Angesichts Drogenproblems in unserem Lande und des Einflusses, den Ihre Figur Spider-Man auf junge Menschen hat, würden wir es für sehr nützlich halten, wenn Sie mit ihm eine Anti-Drogen-Geschichte erzählen würden.“ Kein Jugendlicher lässt sich gerne belehren, deshalb wollte ich keine Geschichte unter dem Motto „Nehmt keine Drogen!“ machen. Aber ich nahm das Thema durch einen Jungen auf, der  eine Überdosis genommen hatte, dachte, er könne fliegen und am Rande eines Daches steht. Spider-Man musste ihn nun dazu bringen, wieder runterzukommen. Dann sagte er zu ihm und den Lesern: „Eine Droge, die stark genug ist, dir einen solchen Trip zu verschaffen, kann das Gehirn schwer schädigen! Aber wie warnen wir die Jugendlichen? Wie erreichen wir sie?“ Das war alles.
Wir schickten das Heft ans Büro des Comics Code, sie schickten sie es zurück und sagten, das könnten sie uns nicht drucken lassen. – Warum nicht? Sie sagten: in Ihren Geschichten dürfen keine Drogen vorkommen. – Das ist eine Antidrogengeschichte! Sie soll den Jugendlichen zeigen, dass Drogen gefährlich sind! – Tut uns leid! Das geht nicht! – Aber die Regierung hat mich darum gebeten! – Tut uns leid! Ich dachte: zum Teufel. Und ich bin stolz auf meinen Herausgeber, denn als ich sagte, dass wir das Heft ohne das Siegel veröffentlichen sollten, meinte er: „Tu es, Stan!“
Das Heft kam also ohne das Siegel heraus, und niemand nahm daran Anstoß. Wir bekamen Unmengen Briefe von Lehrern, Eltern und Ärzten aus dem ganzen Land. Die schrieben uns, wie toll das Heft sei und wie sehr sie sich freuten.

Innerhalb einer Woche wurde ein Treffen der Comic-Herausgeber zu dieser Problematik einberufen, und die Drogenpassage wurde gestrichen. Der Code begann sich zu lockern, der kreative Wagemut stieg. Die „New York Times“ rühmte Stan Lee in einem Artikel als „Captain Relevant“.
Gesellschaftliche Themen begannen sich nun als Sub-Plot durch die Marvel Comics zu ziehen. Bereits die auf den Drogen-Dreiteiler folgende Ausgabe 99 des „Amazing Spider-Man” (bei uns Nr. 100) hieß „A Day In The Life Of … Featuring“. Sie stellte ihren Helden vor den Hintergrund maroder, veralteter Gefängnisse und ihrer rebellierenden Insassen.
Für Gil Kane und seine Kollegen war für solche Arbeiten keine eigene Recherche nötig. Sie brachten die Inspiration schon vom Weg zur Arbeit mit an den Zeichentisch: den Sparkurs der Stadt New York bei Müllabfuhr, Feuerwehr und Polizei, die zuweilen lebensgefährliche Fahrt in der U-Bahn, die Verslummung, die Bildung von Bürgerwehren gehörten zum Alltag.
In der Folge stieg auch bei DC Comics der Wagemut, und Metropolis bekam etwa ein Ghetto: Little Africa. Schwarze Mitbürger gehörten bei Marvel da längst zum Straßenbild und zum Figurenensemble.

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