Chansons über Chansons – ein unanständiger Vergleich

betr.: 33. Todestag von Fritz Rotter

Als Autor von „Veronika, der Lenz ist da“, „Wenn der weiße Flieder wieder blüht“ und „Ich küsse ihre Hand, Madame“ ist Fritz Rotter einer unserer ganz großen Textdichter. Er floh vor den Nazis und nahm seine Tätigkeit in der jungen Bundesrepublik wieder auf.
Ich möchte mir diesen Gedenktag zum Anlass nehmen, vier andere deutschsprachige Chanson-Autoren in einen Topf zu werfen, die überdies auch die Musik schreiben. Einer von ihnen – Sebastian Krämer – ist heute aktiv, die anderen – Friedrich Hollaender, Georg Kreisler und Hugo Wiener – sind Legenden und also nicht mehr unter uns.
Wir wollen uns heute auf das Sub-Genre des volkstümlichen Chansons* konzentrieren, in dem die vier Herren viele ihrer besten Arbeiten vorgelegt haben (- abgesehen freilich von politischen Chansons wie Kreislers „Weg zur Arbeit“, Hollaenders „Dressur“ usw.).

HANDLUNG UND POINTE

Wenn S. K. uns eine Geschichte mit Einleitung, Hauptteil und Schluss erzählt, vermeidet er Pointen, deren einmal erworbene Kenntnis den neuerlichen Hörgenuss verderben könnte („Die Ballade vom Schweinehund“, „Gesine“).
F. H. missglückte dies in seinem berühmten Ausstattungscouplet „Stroganoff“, das mit jedem weiteren Anhören länger und länger zu werden scheint.
„Mein Weib will mich verlassen“ von G. K. ist eine Meisterleistung auf diesem Gebiet, an der sich seither alle zu messen haben.
H. W. schreibt für diese Gattung solide bis famose Schlusspointen (in aufsteigender Reihenfolge: „Ich wünsch mir zum Geburtstag einen Vorderzahn“, „Wie man eine Torte macht“, „Die Handtasche“), kommt aber zu wahrhaftiger Höhe am ehesten hinauf, wenn die Pointe nicht erst am Ende sitzt, sondern sich langsam aufbaut.

DRAMATURGIE

Sobald ein Chanson keine richtige Handlung hat, sondern sich dem Fassen eines Gedanken / der Beschreibung einer Situation widmet, sitzen H. W.s Pointen jeweils am Ende einer Strophe / des Refrains und werden akkurat aufeinandergestapelt. Diese Arbeiten von ihm sind besonders spitzfindig und vergnüglich („Der soziale Tourismus“ oder sein unbestrittenes Hauptwerk „Der Novak lässt mich nicht verkommen“).
Bei S. K. funktioniert dieses Konzept in ganz unterschiedlicher musikalischer Form, etwa als Requiem im Liedermacher-Stil („Hundert Schritte“) oder als schmissiger Dada-Charaktersong („Alpo der Waldgeist“). Die Assoziationen sind bei ihm immer in Bewegung, selbst im Refrain werden Haken geschlagen. Der Plot entwickelt sich bis zuletzt und gipfelt in einer Frechheit, die die vorherigen nochmals ein klein wenig überragt und die mit jedem Wiederhören reift und überraschend bleibt, da auf dem Weg dorthin allerlei falsche Fährten gelegt werden („Gardinenpredigt“).
Bei G. K. spielt die Reihenfolge der Metaphern in der Regel keine Rolle („Wien ohne Wiener“, „Zwei alte Tanten tanzen Tango“). Irgendwann kommt eine, auf die keine weitere mehr folgt.

MUSIK

H. W. vermittelt Kolorit und Atmosphäre vor allem im Text, musikalisch ist er Minimalist.
Der Musiker G. K. ist in seiner kabarettistischen Einfachheit weitaus melodischer („Ich soll immer was Lustiges schreiben“, „Das Lied von der Wirklichkeit“), aber nicht immer so ambitioniert wie als Texter („Kreuzworträtsel-Chanson“, „Telefonbuch-Polka“).
F. H. ist ebensosehr Komponist wie satirischer Texter, was er spätestens mit seinen sinfonischen Filmmusiken im Hollywooder Exil („Sabrina“, „The 5,000 Fingers Of Dr. T.“) bewies, was aber schon vorher herauszuhören war („Ach lege Deine Wange“, „Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt“).
Auch S. K. vertont nicht nur, er komponiert. In der kenntnisreich-verspielten Unverschämtheit seiner musikalischen Anspielungen („Mein Bruder“, „Tramsinn“ oder wiederum „Alpo der Waldgeist“) erinnert er an die französischen Filmkomponisten der Kriegs- und Nachkriegszeit, gestattet sich aber hin und wieder einen melodieverweigernden Sprechgesang („Deutschlehrer!“, „Busfahrer“), macht es sich mit einem Zungenbrecher auf einem simplen Groove bequem („Das Ding, das die Treppe runtergehn kann“) oder singt minutenlang, ohne dass man es merkt („Wohin mit der Medaille?“).

Viel Spaß beim Wiederhören!

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2015/01/18/ist-ein-chanson/

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