Die schönsten Filme, die ich kenne (20): „Vorwiegend heiter“

Das satirische Musical „Vorwiegend heiter“ ist ein Film, dem ein sehr schlechtes Timing das Genick brach. In seinem Entstehungsland, den USA, kam er drei Jahre zu spät: Mitte der 50er Jahre nämlich, als die Zeit dieser Art von Filmen vorüber war. MGM, das Filmstudio, das sich darauf besonders spezialisiert hatte, zog zwei Jahre später die Konsequenzen. Bei uns kam der Film wenigstens 30 Jahre zu früh, denn er beschreibt eine Art von Fernsehkultur, die sich erst mit dem Privatfernsehen etablieren sollte: preiswerte Shows mit Normalbürgern, die sich wiedersehen, streiten und dabei unter Umständen Tränen vergießen.
Dennoch hat der Film auch jenseits seiner oberflächlichen Schauwerte (Technicolor, Breitwand und Stereoton) etwas zu bieten, was der US-Entertainmentkultur am Vorabend des Rock’n‘Roll gern a priori abgesprochen wird: Ehrlichkeit und pointierte Gesellschaftskritik.
Für „It’s Always Fair Weather“ hatte sich die Erfolgsmannschaft des Filmmusical-Klassikers schlechthin „Singin‘ In The Rain“ nochmals zusammengefunden: Regisseur Stanley Donen, das Autorenteam Betty Comden und Adolph Green, das diesmal auch die Songtexte lieferte, und der Star Gene Kelly.* (Auch die Tänzerin Cyd Charisse ist in einer größeren Rolle wieder mit von der Partie.) Die Geschichte knüpft inhaltlich an einen anderen großen Bühnen- und Filmerfolg an: „On The Town“. In diesem Musical befand sich Kelly mit zwei Kameraden für 24 Stunden auf Landgang in New York. Nun wird die Geschichte der drei Kriegskameraden, die sich beim Abschied geschworen haben, einander die Treue zu halten und sich zehn Jahre später wiederzusehen, pünktlich weitererzählt. Sie tun das – und haben sich nichts mehr zu sagen, verachten einander sogar.
Als ihr Wiedersehen in einer Fernsehshow exponiert wird, finden sie zumindest wieder zu einem gewissen gegenseitigen Respekt zurück, ehe sich ihre Wege abermals trennen.

„It’s Always Fair Weather“ hätte das Zeug zum Klassiker. Gene Kelly legt seinem legendären Act im Regen einen Stepptanz auf Rollschuhen nach, von dem er sagte, das sei gar nicht so schwer wie es aussehe. Das New Yorker Areal rund um den Broadway, das er dabei durchquert, ist ein Teil jenes sagenhaften MGM-Freigeländes, das um die Jahrtausendwende von einem Spekulanten plattgemacht wurde. Cyd Charisse wickelt als Sportreporterin eine Gruppe von Boxern in einer Turnhalle mit ihrem Charme und ihren Fachkenntnissen um den Finger und legt ein Ballett mit ihnen hin, das musikalisch und choreographisch seiner Titelzeile gerecht wird: „Baby, You Knock Me Out“. (Die gesamte Partitur von André Previn hält dieses Niveau – wenn sie auch auf seiner Webseite keine Erwähnung findet.) Die größte Entdeckung des Films ist zweifellos die als solche debütierende Entertainment-Allzweckwaffe Dolores Gray in der Rolle der Showmasterin. Diese hochbegabte Schauspielerin verschwand mit dem erwähnten Niedergang des Filmmusicals nach wenigen Filmen wieder von der Leinwand.

Sogar die deutsche Synchronfassung legt sich ins Zeug. Zwei der Songs wurden wohlerwogen und gekonnt ins Deutsche übertragen: die Triplet-Soliloquy „Why Are We Here?“ nach der Melodie „An der schönen blauen Donau“, als die drei  Veteranen erkennen müssen, dass sie einander nicht ausstehen können, und Dan Daileys kabarettistisches Solo „Situation-Wise“. Letztere Nummer spielt auf gewisse Floskeln unter Geschäftsleuten an. Billy Wilder bezieht sich in seinem Film „Das Appartement“ darauf – das ist der kleine Zipfel Weltruhm, den „It’s Always Fair Weather“ erhaschen konnte.

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* Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/04/13/singende-menschen-schrecklich/ und https://blog.montyarnold.de/2017/04/13/hollywood-babylon/

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2 Antworten auf Die schönsten Filme, die ich kenne (20): „Vorwiegend heiter“

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