Die schönsten Comics, die ich kenne (15): „Der Tod und Tommy Norton“

„Der Tod und Tommy Norton“
„Death and Tommy Norton“, erschienen 1952 in „Mystic“ von Stan Lee (Text) und John Romita (Zeichnungen), deutsch (vermutlich) von Hartmut Huff in „Die Gruft von Graf Dracula“ Nr. 13, Williams Verlag, Januar 1975

Meine Eltern liebten einander nicht, und sie hassten einander nicht. Was sie über Jahrzehnte bis zum Tod meines Vaters miteinander teilten – galvanisiert durch die katholische Selbstverpflichtung meiner Mutter zu unverbrüchlicher Treue –, war eine natürliche Feindschaft, die nichts von einem persönlichen Konflikt an sich hatte und die sich im Wesentlichen lautlos vollzog. Ihr Abrieb nieselte jahrelang vollkommen gleichmäßig und bruchlos auf uns vier Kinder herab und verwundete uns auf ganz unterschiedliche Weise – unseren jeweiligen Gemütern und Temperamenten entsprechend. Diese Unterschiedlichkeit hat mich immer fasziniert, und sie hat bei uns zu vier Lebenswegen geführt, die nicht deutlicher voneinander abweichen könnten.

CabajazzoDer zwanzigjährige Kabarettist und Heftchenleser Monty Arnold in seiner Bühnenfassung von „Der Tod und Tommy Norton“: Auf die Kante der Kommode gestützt plaudert Tommy mit seinem stummen Spielkameraden. Den unsterblichsten Satz spricht folglich die Tante des Helden: „Es muss wie ein Unfall aussehen!“ – Foto: Roger Paulet

Gerade jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, feiere ich die Entdeckung einer Graphic Novel, die dem eigenen Lebensroman angemessen ist und von der an dieser Stelle ein andermal die Rede sein soll: „Stiche“ von David Small. Dessen Held und sein kindlicher Glaube an die Beseeltheit von Gegenständen erinnerte mich an jenes schäbige kleine Comic, um das es heute geht.*

“Der Tod und Tommy Norton“ ist eine der kurzen Gruselgeschichten aus der Steinzeit der „Timely Comics“, die in den Marvels als Füllmaterial verwendet wurden. Ich habe selten ein freundliches Wort über dieses Material gelesen, obwohl es von den Altmeistern des „Hauses der Ideen“ stammt und deshalb in dem einen oder anderen Fall sogar nachgedruckt wurde.**
Manches davon mochte ich, anderes weniger, aber eines hat mir an diesen Geschichten immer imponiert: Während in der einschlägigen Heftreihe „Gespenster Geschichten“ jahrzehntelang nur ein einziges uraltes Klischee immer wieder gemolken wurde (A ermordet B, B steigt aus dem Grab und rächt sich …), hatten wir es in den Marvel-Shorties mit den unterschiedlichen Sujets zu tun.

So ist “Der Tod und Tommy Norton“ die Geschichte eines kleinen Jungen („reich, gesund und froh – nur eine Kleinigkeit stimmte nicht“), der ein Problem mit seinen Erziehungsberechtigten hat. Obwohl er durchaus über reale Spielkameraden verfügt, richtet er den größten Teil seiner Zuneigung sowie sein Mitteilungsbedürfnis auf einen Spielzeugsoldaten, der auf einer Kommode seines Kinderzimmers steht. Dieser bleibt lange Zeit vollkommen unbeweglich …

“Der Tod und Tommy Norton“  ist auch deshalb etwas ganz Besonderes für mich, weil ich mein Vergnügen daran ausnahmsweise mit meiner Mitwelt teilen konnte. Ich habe diese keine Horrorklamotte einige Jahre lang auf der Kabarettbühne gespielt und ihren Humor regelmäßig aufsteigen und den Raum erfüllen sehen. Eine ähnlich kollektive Comic-Erfahrung erlebte ich sonst nur ein einziges Mal: als ich „Kameraden“ von Attilio Micheluzzi*** als Lesung vortrug. Die Lacher – die ich nicht eigens durch die Art des Vortrags provozierte – nahmen ab der Mitte des Textes immer mehr zu, um erst beim sehr leisen Finale wieder zu verstummen. Das war für mich ebenso nachvollziehbar wie überraschend.

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* Der sächliche Artikel fühlt sich hier für mich ausnahmsweise richtig an und wird absichtlich gebraucht.
** Ein Beispiel findet sich unter https://blog.montyarnold.de/2017/02/06/das-unerbittliche-kinderauge/
*** Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/03/16/das-viech-und-ich/

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