Die schönsten Filme, die ich kenne (26): „Der unheimliche Besucher“

Die US-Produktion „The Night Visitor“ (1971) wurde in Dänemark und Schweden gedreht, in rauer, winterlicher Einsamkeit. Nicht nur die Landschaft, auch das Darstellerensemble und die dräuende Düsternis vermitteln das Gefühl eines Ingmar-Bergman-Dramas.
Im Mittelpunkt steht der schweigsame Bauer Salem, der in einer festungsartigen Irrenanstalt einsitzt. Sie gilt als ausbruchsicher, was man angesichts der mittelalterlich-robusten Bauweise sofort glaubt. Salem wurde nach einer Intrige seiner Schwester Ester und ihres Mannes Dr. Jenks hier eingekerkert, die ihm einen gemeinsam begangenen Mord untergejubelt haben, um sich die Erbschaft unter den Nagel zu reißen. Sie achten sogar darauf, Salem in der Psychiatrie verschwinden zu lassen, um seine absehbare Entlassung zu verhindern. In der Folge mimt Salem den bastelnden Gemütsmenschen, der sich in sein Los gefügt hat und mit seinem Kerkermeister friedlich Schach spielt. Doch das täuscht. Wie wir schon in der ersten Szene sehen können, bricht er regelmäßig aus und wieder ein – die zahlreichen Sicherheitsvorkehrungen trickreich umgehend. In der Zwischenzeit unternimmt er, durch ein perfektes Alibi geschützt, einen blutigen Rachefeldzug …

Night Visitor

Es fällt schwer, sich den kultivierten Christopher Lee in der Rolle dieses rätselhaften Unholdes vorzustellen. Er sollte jene Rolle ursprünglich spielen, die dann aufgrund von Terminschwierigkeiten an ihre Idealbesetzung ging: Max von Sydow. In dessen unbehauenem, weitgehend reglosen Gesicht spiegeln sich die enormen körperlichen Strapazen und die Konzentration, die ihm seine Mission abverlangt. In dem bärbeißigen Trevor Howard, mit dem sich Salem unvorsichtigerweise auf ein Psycho-Duell einlässt, findet er einen zähen Gegenspieler.

„Der unheimliche Besucher“ ist ein Psychothriller im Look eines Horrorfilms. Diese Wirkung verdankt er vor allem der archaischen Erscheinung von Sydows und der märchenhaften Rückständigkeit der Verhältnisse – selbst ein so nostalgisches Fahrzeug wie ein VW Käfer erscheint als futuristischer Fremdkörper.
Der Komponist Henry Mancini, zu dieser Zeit bereits ein Klassiker des Easy Listening, wurde gewissermaßen gegen seinen Typ gebucht. Eigentlich ein Spezialist für humorvollen Swing („The Pink Panther“) und  romantische Chorgesänge („Moon River“), liefert er uns einen Score, der ebenso mitleidlos und zerklüftet ist wie die felsige Landschaft des Films, durchzuckt von jenen Dissonanzen, die er bei „Wait Until Dark“ schätzen gelernt hatte.

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