Broadway’s Like That (59): Norma Desmond wird Pop

18. Hollywood und der Broadway – Eine Hassliebe (4)

Die durchschlagende Wirkung von Kronleuchtern kannte übrigens schon Alan J. Lerner, Librettist von „My Fair Lady“. Er beobachtete: „Nichts beeindruckt die Zuschauer mehr oder bewirkt verlässlicher einen spontanen Beifallssturm als das Erscheinen eines Kronleuchters. Zwei Kronleuchter: Ekstase! Drei bedeuten einen kollektiven Orgasmus. Im Finale des ersten Aktes von „My Fair Lady“ hatten wir drei!“

Zu Lerners Zeiten brauchen die Kronleuchter freilich noch nicht herabzustürzen. Man kann sein Publikum fordern und erziehen wollen wie Stephen Sondheim, oder man kann es betören wollen wie Lloyd Webber. Deshalb schreibt er Musicals im großen Stil, die sowohl das integrierte Musical von Rodgers & Hammerstein erweitern als auch an die Musical-Vorform der Extravaganza anknüpfen können. Seine Musicals schaffen eine Art Rundum-Theater, bei dem Schauen so wichtig ist wie lauschen. In seiner Musik liebt er die grandiose Geste, die er manchmal mit einer schon fast volksliedhaften Einfachheit zu verbinden versteht. Wenn er seine Musicals durchkomponiert, könnte ein Narkotisierungseffekt durchaus beabsichtigt sein. Dabei ist ihre musikalische Struktur unkompliziert, da Lloyd Webber mit Erinnerungsmotiven und Reprisen arbeitet. Was seine Sujets angeht, so bevorzugt er einfache oder bereits bekannte Fabeln.

Einfach ist der Stoff von „Sunset Boulevard“ nun nicht. Bekannt ist er allerdings, denn als Vorlage diente Billy Wilders berühmter gleichnamiger Film von 1950 – deutsch als „Boulevard der Dämmerung“.* Hier nun wandelt sich der Film über Hollywood zum Abbild eines Hollywood-Films mit einer Abbildung vom pompösen Heim der Diva, die sich einer Hydraulik heben und einen parallelen Handlungsort erscheinen lässt. Das Libretto von Don Black und Christopher Hampton hält sich eng an die Filmvorlage, greift sogar wesentliche Dialogzeilen des Films auf. Wilder lobte despektierlich, die Textautoren seien auf eine überwältigend gute Idee gestoßen: sie haben beschlossen, die Vorlage nicht zu ändern. Zu seiner Säuerlichkeit mag beigetragen haben, dass er keinen Pfennig Tantiemen bekam, da der Film vollständig dem Paramount-Studio gehörte. In seinem Buch über Billy Wilder merkt Hellmuth Karasek zum Film „Sunset Boulevard“ an, dass diese „Geschichte von Käuflichkeit, Liebe und zerstörten Illusionen“ zugleich als eine Geschichte der großen Filmstadt Hollywood zu verstehen sei, „die Gefühle erzeugt, indem sie sie verkauft, die den eigenen Träumen verfällt“.

Norma Desmond, die Hauptfigur – auch sie ist ihren Träumen verfallen. Sie, die Traumfrau der Stummfilmzeit, brachte der Tonfilm zum Verstummen, beraubte sie als Schauspielerin ihrer Sprache: der Blicke und Gesten. Vergessen und gealtert, verharrt sie in der Illusion, der große Star zu sein. Im Film wird Norma Desmond von Gloria Swanson dargestellt. Sie war wirklich ein Stummfilmstar gewesen, schien aber mit dem Mikrofon nicht die Probleme Norma Desmonds gehabt zu haben. Vereinzelt hat sie sogar gesungen. Die Norma Desmond des Films wie des Musicals lebt isoliert in einem mausoleumsartigen Haus, behütet einzig von einem ergebenen Diener, ihr früherer Ehemann und Regisseur. Fieberhaft arbeitet sie an einem Drehbuch über Salome, das ihr die Rückkehr zum Film ermöglichen soll. Als sich der mittellose junge Autor Joe Gillis in ihr Haus verirrt, kauft sie ihn als Mitarbeiter und widerwilligen Liebhaber, was zu emotionalen Verstrickungen und zur schließlichen Katastrophe führt.

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2017/03/27/die-vielen-langen-schatten-der-norma-desmond/

Forts. folgt

 

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