Der Song des Tages: „Je me moque de l’amour“

betr.: 67. Geburtstag von Sônia Braga

Als die Literaturverfilmung „Kuss der Spinnenfrau“ Mitte der 80er Jahre in deutsche Kinos kam, war die wertfreie Darstellung von Homosexualität als tragendes Handlungselement im Film etwas unerhört Neues. Besonders aus Großbritannien kam eine regelrechte Welle von Beiträgen, die auch außerhalb der Subkultur Beachtung fanden – z.B. das Sozialstück „Mein wunderbarer Waschsalon“ -, aus Spanien gelangten die ersten hitzigen Arbeiten von Pedro Almodóvar zu uns, einige US-Filme kreisten um das neue Thema AIDS, was noch als unbedingt schwules Thema wahrgenommen und behandelt wurde.
“Kuss der Spinnenfrau“ fiel etwas aus diesem Rahmen – als zunächst einziger brasilianischer Beitrag, als hochpolitisches Drama und als ein Werk, dessen Behandlung des Themas Homosexualität auf den Status Quo verwies, gegen den sich die übrigen Filme bereits auflehnten: Der Held sitzt wegen seiner Neigung im Gefängnis.
Der tuntige Molina und der virile Revoluzzer Valentin – William Hurt und Raúl Juliá, die daraufhin beide international Karriere machten – teilen sich eine Zelle. Molina ist mit der Aussicht auf seine mögliche Freilassung dazu gebracht worden, seinen Mitgefangenen auszuhorchen. Valentin verachtet den femininen Molina zunächst, lässt sich aber von ihm den tristen Knast-Alltag mit nacherzählten Filmen aufhellen. Molina beschwört einen Nazi-Propagandafilm herauf, in dem eine vage an Zarah Leander angelehnte Diva sich in einen deutschen Offizier verliebt. Es treten auch Résistance-Kämpfer auf, die entweder als Widerlinge oder als Idioten gezeichnet sind. Das ist ein Kunstgriff, denn wie man sich erinnert, waren in deutschen Propaganda-Spielfilmen niemals Hakenkreuze zu sehen; die Botschaft wurde zwischen den Zeilen verabreicht. Auch der hübsche Sepia-Ton der gezeigten Filmsequenzen war in diesem Genre unüblich.

Sônia Braga spielt sowohl die Diva Leni (noch ’ne Anspielung) im Film-im-Film als auch das verführerische Horrorwesen der zweiten phantastischen Ebene: sie erscheint als titelgebende Spinnenfrau in den Fieberträumen Valentins.
Im Propagandafilm (und somit auch in „Kuss der Spinnenfrau“) gibt es die lebensnotwendige Nachtclub-Szene*. Hier singt Sônia Braga eine französische Version des Leander-Durchhalteschlagers „Davon geht die Welt nicht unter“: „Moi, je me moque de l’amour“. Der Text stammte von Manuel Puig, dem Autor der Romanvorlage, und David Weisman.
Die Filmmusik des brasilianischen Dirigenten John Neschling wurde nur in Auszügen auf einer LP mit Dialogen veröffentlicht. Die Ouvertüre ist nirgends vollständig zu hören – im Vorspann wird sie nach der ersten Strophe ausgeblendet, auf der Schallplatte fehlt der Anfang. Der Refrain von Bragas „Je me moque de l’amour“ wiederum verschwindet unter den Dialogen und ist auf dem Soundtrack-Album nur instrumental zu hören.
1992 machten die Erfolgskomponisten Kander & Ebb („Cabaret“) ein Musical aus „Kiss Of The Spider Woman“ und wischten damit (unbeabsichtigt) den Soundtrack und Bragas Nachtclub-Einlage endgültig beiseite.

Sônia Braga hatte nie einen fulminanteren Auftritt als ihre Doppelrolle in der „Spinnenfrau“. Sie gehörte zum Ensemble von „Vila Sésamo“, der brasilianischen „Sesamstraße“, und brachte es neben regelmäßigen Telenovela-Auftritten auch zu einigen internationalen Serien-Rollen, z.B. in „Sex And The City“, sowie zu einer Liaison mit Robert Redford.

_____________________________
* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2016/03

Dieser Beitrag wurde unter Film, Filmmusik / Soundtrack, Literatur, Medienkunde, Medienphilosophie, Musicalgeschichte, Musik, Popkultur abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>