Die schönsten Filme, die ich kenne (31): “Winifred Wagner – Die Geschichte des Hauses Wahnfried von 1914-75“

betr.: 120. Geburtstag von Winifred Wagner

Fünf Stunden lang sitzt eine in krümeligem Schwarzweiß gefilmte fast 80jährige Dame auf wechselnden Möbeln und spricht konzentriert und chronologisch über ihr Leben und die Zeitläufte. Außer ihrem rumpelnden Krachhusten unterbrechen sie nur hie und da die Kapitelüberschriften, die der Regisseur auf Rechenpapier getippt und aus nächster Nähe abgefilmt hat, sowie gelegentliche Blicke auf alte Fotos. Musik gibt es nicht. Dieser Film ist das einzige aufrichtige Dokument der Befindlichkeit eines Großteils der 1975 in Deutschland lebenden Menschen um die 50 oder älter, gleichzeitig Zeitgeschichte, ganz großes Kabarett und ebensolches Kino. Die kantige, ungepasste aber bodenständige Dame im Bild, Winifred Wagner, verursacht gemischte Gefühle, die der Betrachter selbst sortieren muss, der Filmemacher Hans Jürgen Syberberg erläutert, korrigiert und kommentiert nicht.

“Winifred Wagner – Die Geschichte des Hauses Wahnfried von 1914-75“ wurde zuletzt in den 90er Jahren heraufbeschworen, als ein gewisser Volksaufklärungsredakteur im Fernsehen einen kurzen, besonders skandalösen Ausschnitt in seiner NS-Dokureihe präsentierte. Er beginnt mit den Worten: „Wenn der Hitler zum Beispiel heute hier zur Tür hereinkäme“ und mündet in ein tiefes persönliches Bekenntnis zur Freundschaft mit dem „Führer“. Von dieser Verklärung des Menschen Hitler wird der Film über weite Strecken getragen, doch er ist weitaus komplexer als sich hier oder sonstwo knapp zusammenfassen ließe. Syberberg musste seiner pfiffigen Gesprächspartnerin diese Passage mit einer List entwinden. Sie sprach sie, als die Kamera während eines Rollenwechsels ausgeschaltet war und nur das Tonbandgerät lief. Der O-Ton wurde im Film mit Bildern der sitzenden, schweigenden Winifred unterlegt.

Winifred Wagner, Schwiegertochter Richard Wagners und nach 1930 bis Kriegsende Leiterin der Bayreuther Festspiele, ist die einzige öffentliche Person, an der Menschen meines Alters eine Brücke von der Nach-68er-BRD ins Dritte Reich schlagen können. Albert Speer fällt flach, denn erstens hat er nach 1945 zwanzig Jahre lang nicht am Leben teilnehmen können, und zweitens war und ist ihm bekanntlich nicht über den Weg zu trauen. Die langlebige Filmkünstlerin Leni Riefenstahl wiederum sank allein in ihrem Auftritt in der Talkshow „Je später der Abend“ zur zeitgeschichtlichen Muppet-Figur hinab: eitel, verlogen, Löcher in die Luft schlagend und erschütternd schlichten Gemüts. So ähnlich exkulpierte sich damals jeder, der nicht lieber schweigen wollte.
Anders die geistig hellwache Winfred. Die in Ungnade gefallene Wagner-Urenkelin Dagny Beidler erlebte sie bei einem Besuch in Beyreuth 1964 „als sehr gewinnend, vor allem gefiel mir, dass sie sich selbst nicht so ernst nahm“.
Winifred opfert im Gespräch mit Sybergerg jegliche Pluspunkte bei Feuilleton, Nachwelt und Familie einer rückhaltlosen Ehrlichkeit und ihrem Unvermögen, den höflichen Wagner-Fan Hitler, der sie oftmals besuchte, mit seinen historischen Untaten in Einklang zu bringen. Sie belügt uns fast nur dann, wenn sie das auch sich selber antut – zum Beispiel hinsichtlich jener letzten fünf Jahre, in denen sie beim lieben „Wolf“ in Ungnade gefallen war. (Insofern macht der Film auch die generelle Problematik hochbetagter Zeitzeugen deutlich.) Etwas weniger aufgeschlossen wäre sie vielleicht gewesen, hätte sie geahnt, dass Syberberg hier bereits für ein späteres Projekt recherchierte, das sich ganz um Hitler drehen sollte. In “Winifred Wagner“ kommt der Diktator erst nach 90 Minuten zur Sprache, doch das tut der Relevanz des Materials keinen Abbruch.  Der Film fesselt (auch den Nicht-Wagnerianer) vom ersten bis zum letzten Meter.

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