Er gehört mir nicht mehr

betr.: „Spider-Man – Erstaunliche Abenteuer“ – Die Spider-Man-Anthologie (PANINI) / 42. Geburtstag von Tobey Maguire

Obwohl diese Zeilen als aktuelle Rezension daherkommen, fehlt mir – dies gleich offen eingestanden – jede Voraussetzung, den o.g. dicken Wälzer kritisch zu würdigen. Zu sehr ist „Die Spinne“ (bzw. „Die erstaunliche Spinne“) Teil meines Lebens. Als erstes las ich die Nr. 45 „Wo die Echse kriecht“, gezeichnet von John Romita, in der glanzvollsten Phase, die „Spider-Man“ und die Marvel-Comics in Deutschland erleben durften.
Dieser Held gehörte mir. Er kam nicht im Fernsehen, außer mir kannte ihn praktisch niemand, er war ein Geheimtipp.
Nägelkauende Aufregung befiel mich, als der Film „Spider-Man, der Spinnenmensch“ mit Nicholas Hammond in die Kinos kam. Ich war tatsächlich der Meinung gewesen, in bewegten Bildern müsse das alles noch doller sein und lernte, dass ein guter Comic sein ideales Medium bereits bewohnt. Obwohl die heutigen Marvel-Verfilmungen ungleich fetziger sind als dieser Trash aus den späten 70ern – gerade Tobey Maguire war ja wirklich hinreißend als Peter Parker – hat sich an meiner Sichtweise nichts mehr geändert. Mir tun all diejenigen ein klein wenig leid, die „Iron Man“ und Konsorten nur aus dem Kino kennen. Oder aus den aktuellen Comics, was eine ähnlich große Entfernung darstellt zu jener wundervollen Nr. 45.

SPIDERMANANTHOLOGIE_Hardcover_200
So hat John Romita (senior) den Wandkrabbler gezeichnet – so gehört es sich doch auch, oder?

Was mich und den Anthologie-Leser von heute zu Gefährten macht, ist das Bestaunen der wechselnden Stile und Zeitläufe: während den jungen Betrachter die skurrile Unschuld der Linienführung von Gründervater Steve Ditko verwundern mag (ein Gefühl, das auch ich mir bis zum heutigen Tag bewahrt habe), kann ich nun guten Gewissens sagen, spinnenmäßig auf dem Laufenden zu sein, obwohl ich mir das zuppelige Gekritzel von Todd McFarlane sicher nicht in Heftform zugelegt hätte. (Das „Ding“ sieht bei ihm aus wie der Elefantenmensch!) Sal Buscema, der als Tuscher seines großen Bruders John viel Sonne in mein Leben brachte, erinnert mich an Gil Kane, einen der letzten Spider-Man-Zeichner, die wir bei Williams lesen konnten, und zum Schluss liefert das Buch einen wirklichen Gewinn für den Sammler und Liebhaber. Wenn mich die Auswahl der Geschichten am Beginn des Bandes auch eher ratlos macht – warum zum Geier ausgerechnet die Geier-Geschichte und das zum x-ten Mal nachgedruckte „Nie mehr Spider-Man“? – sind die letzten Beiträge wahre Kabinettstückchen.
Dass Tante May mit ihrem schon Anfang der 60er Jahre schwachen Herzen nach all den Enqueten überhaupt noch lebt, ist ein derartiges medizinisches Wunder, dass ich es verkrafte, sie in „Das lange Gespräch“ Peters Geheim-Identität erfahren zu sehen. Die zeichnerisch aufgefrischte Nacherzählung historischer Schlachten in „Happy Birthday, Teil 3“ hat bei Marvel seit jeher Tradition. Sie versöhnt sie mich nach Jahren mit John Romita jr., der die Serie übernahm, als sein unersetzlicher Vater einst auf den Redakteursposten wechselte. Mir ist das alles viel zu aufgemotzt, aber Romita sr. hat mitgeholfen, und auf einmal sieht Peter Parker wieder aus wie zu seinen allerbesten Zeiten. Sogar die Echse in ihrem Laborantenkittel wühlt sich wieder ans Licht. In den Worten von Noël Coward: „I’m feeling quiet insane and young again“.

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Eine Antwort auf Er gehört mir nicht mehr

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