Die schönsten Filme, die ich kenne (33): „Im Himmel ist die Hölle los“

Als vor einigen Jahren der frühe Tod von Dirk Bach die Herzen rührte, gab es im WDR eine Nacht mit Sondersendungen, in denen die Vielseitigkeit des Komödianten noch einmal aufschien. Das frühe Kabarett- und Theaterschaffen wurde gewürdigt, auch die Arbeit für das Privatfernsehen. Nur eines fehlte: Dirk Bachs Hautrolle in einem Kinofilm, einer ZDF-Koproduktion von 1983.
„Im Himmel ist die Hölle los“ entzieht sich allzu flüchtiger kritischer Annäherung: eine Schlagerfilm-Verhöhnung, die so intelligent und ätzend ist, dass sie die Bezeichnung Satire verdient, die aber auch in ihrer grellbunten Dämlichkeit derart stilecht gerät, dass man Minuten braucht, um die Parodie überhaupt zu bemerken.

Die „Willi-Wunder-Show“, wöchentlicher Fernsehhit von Kanal 62, wird dieses Mal live aus Käseburg übertragen. Kurz vor der Sendung kommt Willi Wunders beliebte Assistentin Beate durch einen mysteriösen Sturz ums Leben. Werbewirksam sucht man vor Ort nach einem Ersatz unter den zahlreichen weiblichen Willi-Wunder-Fans. Auch die pubertierende, pummelige Mimi Schrillmann rechnet sich Chancen aus. Dem steht die intrigante Familie Sommer im Wege, außerdem Mimis fiese Mitschülerinnen sowie ein schreckliches Geheimnis, das der Showmaster hütet …

Die 70er Jahre, das große Jahrzehnt des deutschen Nonsens, wird hier verabschiedet – und mit ihm auch die Ära der großen Samstagabend-Show, doch der Blick ist nach vorn gerichtet: „Im Himmel ist die Hölle los“ ist strenggenommen ein Science-Fiction-Film. Als er ins Atelier ging, war soeben die Einführung des Privatfernsehens in der Bundesrepublik verkündet worden. Regisseur Helmer von Lützelburg malt sich also eine Republik mit diversen schlampig geführten TV-Sendern aus, in der alle unbedingt ins Fernsehen wollen und dafür notfalls über Leichen gehen. Obwohl es ganz so schlimm erst einige Jahre später kam – die Handlung spielt 1988 – ist dieses Szenario voll weiser Voraussicht.
Das Ensemble besteht aus der soeben heimatlos gewordenen Truppe des verstorbenen Skandal-Filmers Rainer Werner Fassbinder und den schwul-lesbischen Subkultur-Stars um den Kölner Theater- und Filmemacher Walter Bockmayer (der „in der Rolle der Frau Sommer“ selbst ein schauspielerisches Highlight setzt!). Von letzteren sollten einige in den nächsten Jahren tatsächlich TV-Karriere machen.

„Im Himmel ist die Hölle los“ verfügt bei aller Wüstigkeit über eine  makellose Dramaturgie, sogar eine Botschaft kann man darin erblicken – muss man aber nicht. „Halligalli in Käseburg“ (so der ursprünglich geplante Titel) ist bis heute ein Geheimtipp geblieben, doch er hat landauf, landab viele Verehrer, die sogar seine Dialoge auswendig gelernt haben. Kein deutscher Spielfilm der Nachkriegszeit hat die Bezeichnung „Kultfilm“ in ihrer ursprünglichen Bedeutung so sehr verdient wie dieser.

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  1. Pingback: Kultfilme Nr. 41 bis 45 (nach 1980) - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

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