Die schönsten Filme, die ich kenne (34): „Anruf für einen Toten“

Sidney Lumet begann mit dem klassischen Kammerspiel „Die zwölf Geschworenen“ und endete 50 Jahre später mit dem makellosen Thriller und Familiendrama „Tödliche Entscheidung“. Zwischen diesen beiden Produktionen drehte er noch gut 35 weitere Filme von zumeist ähnlicher Qualität. Er wurde nie zu Hollywoods Kultregisseuren gezählt und galt eher als „Routinier“, als Handwerker. Er war dennoch einer der Besten!
Der Film „Anruf für einen Toten“ ist ein Beitrag zu einem Genre, das sonst hauptsächlich von Serienhelden und deren Epigonen bestritten wurde: dem britischen Spionagefilm. Alle wichtigen Zutaten des Kalten Krieges sind versammelt: die internationale Besetzung, die Technicolor-Farben, der schmissige Soundtrack nebst stylischem Vorspann, eine literarische Vorlage von John Le Carré persönlich.

Charles Dobbs (James Mason) vom britischen Außenministerium wird beauftragt, seinen Kollegen Fennan zu konfrontieren, der in einem anonymen Brief der früheren Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei beschuldigt wird. Dieses Gespräch ist eher eine Formsache und verläuft bei einem entspannten Spaziergang im Park. Überraschenderweise nimmt sich der Mann noch am selben Abend das Leben.
Dobbs wird von seinem exzentrischen Chef zu einer Art Kondolenzbesuch bei Fennans Witwe verdonnert, einer gebrochenen Holocaust-Überlebenden (Simone Signoret, die diesen Part kaum zehn Jahre nach ihrem glamourösen Auftritt im Krimiklassiker „Die Teuflischen“ schrecklich überzeugend ausfüllt). Ein eingehender Telefonanruf macht Dobbs stutzig: er glaubt nun nicht mehr an einen Selbstmord. Mit Hilfe des pensionierten, aber noch immer bestens vernetzten CID-Inspektors Mendel (Harry Andrews) geht er diesem Verdacht auf eigene Faust nach. Die Ergebnisse sind schmerzlich: ohne es zu wissen, ist auch Mrs. Dobbs in etwas verwickelt, was sich als ganz große Spionageaffäre entpuppt …

„The Deadly Affair“ ist ein Film mit kleinen Fehlern und unbezahlbaren Vorzügen. Während James Mason als leidgeprüfter Ehemann einer jüngeren Nymphomanin etwas arg dick aufträgt, ist sein Helfer Inspektor Mendel eine der hinreißendsten Chargen in Londons ruhmreicher Geheimdienst-Filmgeschichte. Der aufragende Kleiderschrank Harry Andrews (in der deutschen Fassung hat er die Stimme von Balu, dem Bären) spielt zumeist kleinere und sehr unangenehme Rollen – bei Lumet war er ein Jahr zuvor noch in dem Militärdrama „The Hill“ der sadistische Schleifer eines Wüsten-Straflagers. In diesem Ensemblefilm hat er die heimliche Hauptrolle: als schrulliger Tierfreund und Witwer (ewiger Junggeselle?) genießt er es sichtlich, seine alten Seilschaften zu melken und sich an die Dienstvorschriften nicht mehr gebunden zu fühlen, geht keiner Keilerei aus dem Wege, ist aber ein reizender älterer Gentleman, wenn er es einmal nicht mit lichtscheuem Gesindel zu tun hat sondern etwa mit einer ungeschickten Inspizientin. Wenn es die Polizeiarbeit erfordert, lügt er wie gedruckt, und sollte man seine Dienste länger als 72 Sekunden nicht benötigen, pennt er ein – bis man ihm ein wichtiges Schlüsselwort des aktuellen Falles zuruft.
Max Adrian als leitender Ministerialbeamter „Marlene Dietrich“ präsentiert uns die schrillste Tunte seit Jay Robinsons unvergesslichem Caligula in „The Robe“ – und bereitet uns mit dieser Outrage ein himmlisches Vergnügen.
Das große Agentenduell im dritten Akt ist nicht etwa der Showdown – dieser wird im Anschluss eher flott erledigt – sondern eine verdeckte Operation während einer Theateraufführung. Die leibhaftige „Royal Shakespeare Company“ gibt im Hintergrund „Edward II.“.
Überhaupt hat es der Hintergrund in sich: die sinfonische Bossa-Nova-Filmmusik von Quincy Jones ist – selbst für die Verhältnisse der 60er Jahre – so unverschämt sexy, dass man rot anläuft.

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