Psychodrama in Hollywood

betr.: 111. Geburtstag von John Huston

Im Jahre 1958 machte der Hollywoodregisseur John Huston dem Philosophen und Theaterautor Jean-Paul Sartre das Angebot, ein Hollywood-Drehbuch zu schreiben. In dem Film, den er über Sigmund Freud drehen wollte, sollte nicht dessen Leben zusammengefasst werden, man wollte sich auf die Jahre konzentrieren, in denen Freud seine bisherige Methode, die Hypnose, aufgab und schließlich die Psychoanalyse entwickelte.
Wir dürfen annehmen, dass sich der große John Huston in einer insgesamt schwierigen Phase seines Lebens befand, denn zum Zeitpunkt der Fertigstellung des Films würde er sich mit so ziemlich allen seinen Mitarbeitern verkracht haben – mit seinen langjährigen Vertrauten ebenso wie mit den aktuellen Vertragskollegen in Cast und Crew.
Montgomery Clift spielte nur noch kleinere Rollen, als ihm Huston die Titelrolle in „Freud“ anbot. Nach einem selbstverschuldeten Autounfall einige Jahre zuvor, verfiel er rapide, stand unter Medikamenten und galt als einer Hauptrolle nicht mehr gewachsen – obwohl an seiner Begabung niemand zweifelte. Er nahm Hustons Angebot gerne an, um der Branche seine ungebrochene Einsatzfähigkeit zu beweisen. Regisseur und Schauspieler hatten bereits im vorigen Projekt zusammengearbeitet (mit einem kleineren Part für Clift) und waren gut miteinander ausgekommen. Erst während der Dreharbeiten zu „Freud“ jedoch entdeckte der stockkonservative Huston, was in Hollywood sonst jeder längst wusste: dass sein Star homosexuell war. Dass Freuds Forschungen insgesamt sehr viel mit Sex zu tun haben, war ihm ebenfalls entgangen. Angewidert von alledem schikanierte und quälte er Montgomery Clift, dem die Dreharbeiten ohnehin viel abverlangten. Die Arbeit sollte ihn, wie sein Biograph Robert LaGuardia schreibt, „vollends aufreiben. Nach der fünfmonatigen Zelluloid-Farce würde Monty ein lebender Leichnam sein.“

Natürlich bekam auch der Autor sein Fett weg – ohne sich derartig davon fertigmachen zu lassen. Jean Paul Sartre hatte sich zunächst mit Begeisterung in das Unternehmen gestürzt und einige Monate auf das knapp hundertseitige Treatment verwandt. Im Jahr darauf schrieb er das Drehbuch. Huston war unzufrieden, verlangte Änderungen – und entsetzte sich über Themen wie Inzest, Masturbation, Prostitution und Sittlichkeitsvergehen an Kindern. Sartre folgte und strich diese Dinge so gut es ging, nahm sogar einige Figuren und ihre Handlungslinien heraus, doch das Drehbuch schwoll weiter an, wurde „dick wie mein Oberschenkel“ (Huston) und hätte zuletzt – nach Hustons Rechnung –  einen Siebenstundenfilm ergeben. „Man kann zwar einen vierstündigen Film über Ben Hur drehen, aber das Publikum von Texas würde keine vier Stunden Komplexe aushalten“, mokierte sich Sartre und warf Huston vor, dass dieser mit dem Film seine eigenen Verklemmungen exhibiere.
Hustons Mitarbeiter stutzten das Drehbuch auf zweihundert Seiten zurück, doch Huston hörte nicht auf, Änderungen zu verlangen. Schließlich bestand Sartre darauf, nicht im Vorspann genannt zu werden.

Was kam bei all dem Ärger heraus?
Der Film erhielt teilweise anerkennende Kritiken und floppte an der Kinokasse. Freuds Tochter Anna beschied kurz und verstimmt, weder die historischen noch die wissenschaftlichen Fakten würden stimmen.
Montgomery Clift hatte zwar seine Hauptrolle gemeistert, aber die Querelen bei den Dreharbeiten hatten seinen Ruf nicht eben gefestigt. Umso mehr legte er sich für seinen nächsten Film ins Zeug, einen kleinen, unambitionierten, aber körperlich fordernden Agentenkrimi, der die letzten seiner Kraftreserven verbrauchte.
Montgomery Clift starb bald nach dessen Fertigstellung mit 45 Jahren.

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