Beatles oder Rat Pack? – Ein cooler Schmalzkrieg

betr.: 52. Jahrestag der Begegnung von Elvis mit den Beatles / 50. Todestag von Brian Epstein

Gemäß einer Präambel unserer Popkultur ist es nicht möglich, die Beatles und die Stones zu lieben. Mit den Beatles und Elvis ist es etwas anderes. Beide verkörpern die neue Zeit. Zwar zählt Elvis zu den arrivierten US-Entertainern, denen die Pilzköpfe mit ihren Charterfolgen das Leben schwer machten, andererseits beruhten ihre Swinging Sixties auf einer Weiterentwicklung des Rock’n’Roll, mit dem Elvis Presley wenige Jahre zuvor das musikalische Establishment seiner Heimat planiert hatte.
Heute vor 52 Jahren trafen die fünf Musiker im Haus des King in Bel Air sogar persönlich zusammen. Sie plauderten und jammten einträchtig – sind sich allerdings kein zweites Mal begegnet.

Als ich Anfang der 80er Jahre in der Ausbildung war, galt meinen reiferen Kollegen der von Elvis vernichtete alte Entertainertyp als imperialistisches Feindbild. Obwohl ich mich mit dem ein Jahr älteren Lehrmädchen Sabine sehr gut verstand, quälten wir einander mit missionarisch gemeinten Mix-Tapes: sie nahm mir BAP, Cat Stevens und Protestsongs zur Gitarre auf, ich ihr klassische Filmmusik, ELO und Dean Martin.
Geselle Michael bekam den aussichtslosen Kulturkampf mit und belehrte mich streng, Sabine habe schon recht. Diese „amerikanischen Schmalzbuben“ seien fürchterlich, besonders Dean Martin, denn der habe mal „was gegen die Beatles gesagt“. Näheres wusste er nicht, also musste es auch für mich reichen. Ihm genügte es ohnehin.

Inzwischen kenne ich die Einzelheiten und glaube an ein Missverständnis.
Dean Martin wurde Mitte der 60er Jahre von seinem 12jährigen Sohn Dino Jr. und dessen Beatlemania schwer geprüft. Der Verdacht stand im Raum, dass seine eigenen Tage als Popstar gezählt sein könnten.* Er nahm den Kampf auf. „Pass auf“, sagte er zu seinem Sohn, „ich werde deine kleinen Lieblinge aus den Charts fegen!“
Das Ergebnis war die Single „Everybody Loves Somebody“, die heute als Inbegriff swingender Coolness gilt. Im August 1964 verdrängte sie den Beatles-Titel „A Hard Day’s Night“ tatsächlich von der Spitze der Chats, und Dean Martins Song wurde der meistverkaufte in den USA. Zwei Wochen später platzierte er sich auch in Großbritannien. (Wenn das kein Imperialismus ist!)

Nicht alle Knoten haben sich so leicht für mich gelöst. Noël Coward mochte seine Landsleute die Beatles wirklich nicht. So traurig hatte mich zuletzt die Information gemacht, dass Marcel Reich-Ranicki es ablehnen würde, jemals Comics zu lesen.

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2017/03/16/broadways-like-that-48-abgesang-mit-dem-rat-pack/

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