Berliner Luftikus

betr.: 71. Todestag von Paul Lincke

Fast alle klassischen Berliner Waldbühnen-Konzerte enden mit dem Marsch von der „Berliner Luft“. Er entstand 1904 für eine gleichnamige Apollo-Revue und wurde später in Paul Linckes heute bekannteste Operette „Frau Luna“ umgebettet. In diesem Marsch – und nicht nur dort – gelingt es dem Komponisten, dem notorischen preußischen Gloria einen kosigen, ironischen Anstrich zu geben. John F. Kennedy wünschte sich diesen Titel bei seinem Besuch der geteilten Stadt und erklärte sich dann prompt zum Beeer-liner.

Lincke nimmt eine Ausnahmestellung unter den Operettenkomponisten ein. Trotz seines Ranges als Vater der Berlin-Operette wird er selten gespielt – und fast nie werkgetreu. Das hat Gründe.
Drei Viertel seiner auf Tonträger eingespielten Titel wurden nett gesagt „neu eingerichtet“ (weniger nett gesagt: ihr Arrangement wurde verfälscht). Gäbe es nicht einige wenige Aufnahmen, auf denen Lincke seine Arbeiten selbst dirigiert, ginge er als Schlager- und Partymusiker durch. Zu den Liebhabern des Meisters, die sich vereinzelt um angemessene Wiederherstellung bemüht haben, gehört immerhin Christian Thielemann, ein Star der Hochkultur.
Weiterhin gibt es wenige aufführbare abendfüllende Werke von Paul Lincke. Seine Musik erklang häufig als Einlage in geschwätzigen Schwänken oder Einaktern. Damit hatte er den Wünschen des Publikums entsprochen, und als er 1911 mit „Grigri“ endlich eine Operette klassischen Zuschnitts vorlegte (sein 30. Bühnenwerk), erlebte er einen Misserfolg. Diese Pleite hat ihn so demoralisiert, dass er in den ihm noch bleibenden 35 Jahren nur noch 7 weitere Operetten komponierte.
Auch Linckes häufiges Verschieben der Hits von einem Werk in ein anderes erleichtert die heutige Rezeption nicht.

Was ist von seinen 37 Arbeiten heute noch spielenswert? Der systematische Versuch, dies durch die Auswertung verstaubten Materials herauszufinden, steht noch aus. Titel wie „Ihr Sechs-Uhr-Onkel“, „Die gelbe Gefahr“ oder „Stahl und Gold“ (ein Kriegsspektakel) wirken auf die Fachwelt offenbar wenig einladend, zumal das einschlägige Publikum ja seit Jahren mit dem immer wieder durchs Dorf gerittenen „Weißen Rößl“* vollauf zufrieden ist.
Linckes erster großer Erfolg, der Einakter „Venus auf Erden“, enthält zumindest genügend Glanzlichter, um in der Fachliteratur immer wieder erwähnt zu werden; es handelt sich hier um eine Art Gegenstück zu Franz von Suppés „Die schöne Galathée“. Von 1902 stammt Linckes zweiter großer Welthit, das „Glühwürmchen-Idyll“. Eine Reihe von Querschnitten, die uns davon vorliegt, klingt vielversprechend. Der Klavierauszug ist unter http://imslp.org/ einzusehen und herunterzuladen*. Schließlich ist noch „Im Reiche des Indra“ von 1899 zu nennen, von dem zu Linckes 100. Geburtstag ein kleiner Querschnitt vorgelegt wurde.

„Frau Luna“ (ebenfalls 1899 entstanden) durchlief eine Reihe von Umarbeitungen, um den Einakter zur abendfüllenden Revue-Operette aufzublähen. Eine wichtige Station war die Fassung von 1922, denn neben der schon erwähnten „Berliner Luft“ wurde in diesem Jahr auch „Schenk mir doch ein kleines Bisschen Liebe“ ins Repertoire eingefügt. Doch der Erfolg kam erst 1935 mit der bis heutige gültigen Form des Werkes. 1976 entstand im Auftrag des ZDF eine „Frau Luna“-Filmversion in Stereo und Agfacolor, die nicht nur wegen ihrer Besetzung mit den damaligen Berliner Boulevardgrößen sehenswert ist (Ingeborg Hallstein sorgt für den guten Ton). Sie sticht mit ihrem Witz und der originellen Inszenierung angenehm aus der Miefigkeit der damaligen TV-Operettenverfilmungen heraus, die zum heutigen schlechten Ruf des Genres ganz wesentlich beigetragen haben.

Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war Paul Lincke auch deshalb so wenig produktiv, weil sein radikal unsentimentaler Berliner Possenhumor aus der Mode kam. Der aufkommende große Operngestus lag ihm nicht. In Linckes nun folgender 23jähriger Schaffenspause verstrich die große Ära der Berliner Revuen und Amüsierpaläste, in der Fritzi Massary der größte Star gewesen ist, und die mit der Machtergreifung der Nazis zuendeging. 1940 leistete sich der Komponist eine allerletzte verzweifelte Übung im modernen Stil. Doch „Ein Liebestraum“ kam auch dafür zu spät: die Ära der Operette war längst zuende.

Das Kriegsende erlebte Paul Lincke in Marienbad. Als er 1946 nach Berlin zurückkehren wollte, war seine Wohnung niedergebrannt und ihm fehlten die nötigen Zuzugspapiere für eine Rückkehr in die Stadt. Dass er überhaupt nach Deutschland ausreisen durfte, verdankte er einem amerikanischen Panzergeneral, der sich noch dankbar an den „Glow Worm“ erinnerte. Paul Lincke starb heimwehgeplagt in Hahnenklee im Harz – immerhin in einer Villa.

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* … eine Datenbank für Noten, deren Urheberrechte abgelaufen sind, eine fabelhafte Sache!
** Eine späte Berlin-Operette von Ralph Benatzky und Kollegen, die unsere Operetten-Spielpläne überwuchert wie ein Brombeergestrüpp.

 

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