Die schönsten Filme, die ich kenne (43): „Das Waisenhaus“

Laura kehrt mit ihrem Mann zurück in ihre Heimat: ein ehemaliges Waisenhaus an der Küste, das sie wiedereröffnen möchte. Es ist eine ziemliche Plackerei, das große Gebäude wiederherzustellen, doch die Idylle ist zunächst perfekt: die Eheleute sind ein gutes Team, und der kleine Simón, fühlt sich wohl und liebt es, die Umgebung zu erkunden; er weiß weder, dass er adoptiert ist noch von seiner HIV-Infektion. In einer der nahegelegenen Höhlen, die Mutter und Sohn auf einem Spaziergang erkunden, freundet sich Simón offensichtlich mit dem Geist von Tomás an, der früher unter den Waisenkindern des Hauses ein entstellter Außenseiter war. Auch mit den übrigen Bewohnern von einst scheint er bald in einen Austausch zu treten, der Laura zunehmend unheimlich ist.
Am Tag der Eröffnung macht Simón seiner Mutter wegen der Geheimnisse Vorwürfe, die er von Tomás erfahren haben will. Kurz darauf ist er plötzlich unauffindbar – und Lauras junges Unternehmen sogleich diskreditiert.
Laura, die den Geistern die Schuld am Verschwinden ihres Kindes gibt, weiht ihr Leben nun der Aufklärung dieses tragischen Ereignisses. Ihre Suche steigert sich zur Besessenheit und ist tatsächlich eines Tages von Erfolg gekrönt. Doch die Lösung des Rätsels ist keineswegs übernatürlich – und gerade deshalb so entsetzlich …

Der letzte Akt eines Films ist immer der schwierigste – gerade, wenn es um Unheimliches und Übernatürliches geht. „Das Waisenhaus“ bringt das seltene Kunststück fertig, die Spannung behutsam aufzubauen und bis ins Finale zu halten. Außerdem weiß ich es sehr zu schätzen, wenn mich ein Film weit jenseits meiner Realität zu fassen bekommt. Dieser vollbringt es, dass ich mich wie eine junge Mutter fühle, deren Kind in Gefahr gerät. Abgesehen von einem winzigen Splatter-Moment, in dem ein Verkehrsunfall geschildert wird, kommt „Das Waisenhaus“ völlig ohne Knall- und Spezialeffekte aus. Doch er schont die Nerven des Betrachters nicht.
Die erinnerungswürdigste Szene ist besonders billig hergestellt: Während der Eröffnungsfeierlichkeiten trifft Laura im oberen Stockwerk des Hauses ein Kind, das eine  Sackmaske übergestülpt hat wie sie der kleine Tomás trug, um sein Gesicht vor den Hänseleien der anderen zu verbergen. Laura glaubt Simón vor sich zu haben, doch anstatt auf ihre Anrede zu antworten stößt er lediglich ein feindseliges Knurren aus. Als sie sich ihm nähert, entkommt er ihr, nachdem er ihre Finger in einer Tür eingeklemmt hat.
Ohne erkennbaren Aufwand hat Regisseur Juan Antonio Bayona in seinem ersten Film eine Szene geschaffen, die nicht nur erstaunlich grauenvoll anzusehen ist. Sie lädt sich im weiteren Verlauf des Films noch mit Bedeutung auf – denn danach ist und bleibt Simón verschwunden. Nie zuvor und danach bin ich im Kino einem Nervenzusammenbruch so nahe gewesen.

Auf zahlreichen Festivals mit Preisen überhäuft, erreichte „Das Waisenhaus“ in seiner spanischen Heimat bereits am Startwochenende über eine Million Zuschauer und war der kommerziell erfolgreichste Film des Jahres 2007. Im Werk seines Produzenten Guillermo del Toro war er kurz danach so unsichtbar und unauffindbar wie der kleine Simón.

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