Ikonoklasmus in der Muckibude

betr.: Stadtteilkunde

Der traurige Satz von der Lücke, die wir hinterlassen und die uns voll und ganz ersetzt, erwischte vor einiger Zeit auch den grimmigen Gründer und Leiter meines Sportstudios, ein volkstümlicher Laden im südlichen St. Georg.
Nach dem Tod des alten Herrn fragte ich mich kurz, ob sich jetzt hier wohl manches ändern würde. Gewünscht habe ich mir das keineswegs, denn die Geräte vom letzten Schrei der Währungsreform reichen mir vollauf, und die uneitle Zutraulichkeit des Publikums schätze ich fast noch mehr als die Nähe zu meiner Wohnung.
Es ist alles nochmal gutgegangen. Dieses Studio, eine Art „Mannis Götterschmiede“ aus der ersten Blütezeit des Bodybuildings, blieb gänzlich unverändert. Nicht einmal die seit 2014 fehlende Kleinhantel mit den zwei Dreikilo-Scheiben wurde ersetzt.
Ist wirklich gar nichts verändert worden? Nun, es dauerte einige Tage, bis ich das Detail bemerkte.
Unser alter Chef war ein hingebungsvoller Schildermaler gewesen. Wenn es um Zucht und Ordnung ging (vor allem um Zweiteres), vergaß er sein Desinteresse an Dekorationsfragen und gestaltete Hinweisplaketten, die das Zusammenleben zu erleichtern sollten.
Mit gutgemeinter Druck-Schönschrift – kleine schwungvolle Serifen beim ersten Großbuchstaben waren Ehrensache – brachte er alles zum Ausdruck, was er nicht immer wieder predigen wollte. Der Stil der Botschaften war so abwechslungsreich wie die Farben der bunten Bastelkartons, auf denen sie geschrieben standen: militärisch-knapp („Die Schlüssel bleiben an den Schränken!“), argumentierend („Das ist Handwaschpaste, kein Duschgel“), unverdrossen („Beim Training bitte Handtuch als Unterlage benutzen“), erläuternd („Räume sind sauber zu halten, d.h. Eiweißpulver u. a. nicht auf den Boden streuen“), sogar augenzwinkernd pädagogisch („Training ist auch: die Hanteln zurückzustellen!“).
Heute sind diese Täfelchen verschwunden. Der aktuelle Betreiber hat frische aufgehängt, wenn auch nur wenige, die einen Neuanfang markieren.

DSC_0360

Ich wäre ich nie auf die Idee gekommen, unseren alten Chef für übertrieben gesellig zu halten. Erst posthum ist der Schimmer dieser Qualität auf ihn gefallen.

DSC_0361Nur, wer druckt, der bleibt: diese recht unpersönliche Affiche hat den stillen Relaunch überlebt. 

Dieser Beitrag wurde unter Gesellschaft, Glosse, Monty Arnold - Biographisches abgelegt und mit , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.