Die wiedergefundene* Textstelle: „Späte Zeit“

Eine zauberhafte Schauspielerin des Saarländischen Landestheaters, die inzwischen eine erfolgreiche bayerische Krimiautorin ist, half mir einst bei meinem einzigen Versuch, die Aufnahmeprüfung an einer Schauspielschule abzulegen.** Da sie um meinen bereits sehr ausgeprägten Hang zur Popkultur wusste, wies sie mich auf eine generelle Besonderheit solcher Prüfungskommissionen hin: diese Leute erwarten eine echte oder wenigstens vorgetäuschte Vorliebe für die Hochkultur. (Sie sagte nicht, alles andere sei unwichtig, aber ich hörte es subjektiv heraus.) Ich nahm also einen klassischen Text in mein Vorsprech-Repertoire mit auf (neben zwei alten Kinomonologen) und suchte mir ein seriöses Thema, in das ich mich in der verbleibenden Zeit gründlich einlesen wollte. Meine Wahl fiel auf „Deutsche Literatur im Dritten Reich“ bzw. „innere Emigration“.
Meine Karriere als Schauspielschüler blieb aus, aber ein Gedicht aus diesem Lesesommer habe ich nie wieder vergessen, wenn es mir auch außerhalb meines Schwerpunktthemas begegnete. Es berührt mich wie Musik – und ein größeres Kompliment kann ich keinem Text machen.

Späte Zeit
von Peter Huchel

Still das Laub am Baum verklagt,
Einsam frieren Moos und Grund.
Über allen Jägern jagt
hoch im Wind ein fremder Hund.

Überall im nassen Sand
liegt des Waldes Pulverbrand,
Eicheln wie Patronen.

Herbst schoß seine Schüsse ab,
leise Schüsse übers Grab.

Horch, es rascheln Totenkronen,
Nebel ziehen und Dämonen.

(1933)

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* (Wieder) zu finden in der „Northeimer Datenbank Deutsches Gedicht“
** Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/01/25/rampenlicht-aus/

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