Der Song des Tages: „In The Movies“

betr.: 96. Jahrestag der Uraufführung des Films „Der Scheich“ mit Rudolph Valentino

Als das Musical „Saturday Night“ (nicht zu verwechseln mit dem fast gleichnamigen Travolta-Tanzfilm) off-Braodway endlich uraufgeführt wurde, 45 Jahre nach seiner Entstehung*, fand der Autor das gar nicht besonders komisch. Stephen Sondheim war längst eine lebende Legende, die für ihre Spitzfindigkeit in Wort und Musik geschätzt wurde, ihre lustvoll gepflegte Unzugänglichkeit und – je nach Stück – für ihre Provokation durch wohldosierte Abseitigkeit. Dass sich in „Saturday Night“ nichts davon in vergleichbarer Dosis findet, verleitete Sondheim selbst und einige seiner Mitarbeiter dazu, dieses als ein „offensichtliches“ Frühwerk zu betrachten. „Saturday Night“ ist jugendlich, aber keineswegs unreif. Es ist volkstümlich, aber nicht seicht. Es leistet sich eine Liebe zur Kreatur, bei der sich der Autor in seinen späteren Arbeiten nicht mehr gern erwischen lassen mochte, ohne deswegen bieder zu sein. Mit ihrem schmissigen Witz erinnert die Show eher an Comden & Green.

„Saturday Night“ basiert auf dem Stück „Front Porch In Brooklyn“ von den Brüdern Julius J. und Philip G. Epstein. Dieses erzählt von den Erlebnissen einer Gang in Flatbush im Jahre 1929, da der Siegeszug des Tonfilms unmittelbar bevorsteht und das Jazz-Age an seinem Ende angekommen ist. Die Freunde erinnern sich an die Filme, die sie zuletzt gesehen haben. Ein älteres Brooklyn-Mädchen – sie ist 26 – gibt der eher unbeschwerten Situation einen gewissen Tiefgang, wenn sie die Realität mit dem schönen Schein der Leinwand vergleicht und ihr trostloses Leben dabei stets schlechter abschneidet. (Rudolph Valentino würde sie nie in ihr Zelt einladen, und was im Kino schick und verwegen aussieht, ist im Leben gesetzlich verboten!) Selbstverständlich ist „In The Movies“ keine Ballade sondern ein mit musikalischen Parodien durchsetzter Novelty Act, man könnte sagen: eine schauspielerische Ausstattungsnummer. Es ist außerdem ein Chanson, das keinen übergeordneten Zusammenhang braucht, um zu funktionieren.
Inzwischen existiert ein Cast-Recording der gesamten Show, doch die schönste Aufnahme von „In The Movies“ bleibt jene, die Marilyn Cooper 1993 für das Album „Unsung Sondheim“ aufgenommen hat.
Bis dahin hatte das Material keine Gelegenheit, sich vor einem Publikum zu bewähren.
Nach acht Auditions war Sondheim der gerade mal 40jährige Produzent weggestorben, und das Projekt mit ihm begraben worden. Zwei Jahre später kam „West Side Story“, und „Saturday Night“ war – einstweilen endgültig – vergessen.

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2017/06/16/broadways-like-that-61-der-letzte-mohikaner/

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