Das gleiche Tempo, die nämliche Gewalt

betr.: 103. Geburtstag von Norman Lloyd

Die mittleren Jahrgänge kennen Norman Lloyd noch als den fiesen Dekan in „Der Club der toten Dichter“. Sein Auftritt im Finale des Dramas provoziert das berühmte Bild, in dem die Studenten auf die Tische steigen, um ein Zeichen gegen seinen Führungsstil zu setzen und sich mit ihrem in Ungnade gefallenen Literaturdozenten zu solidarisieren. Lloyd gibt den vollendeten alte Tyrannen, einen Professor Unrat in Farbe und Breitwand. Mit seinen spitzen Eckzähnen sieht es ein wenig so aus, als hätte der früh gescheiterte Leinwand-Vampir Bela Lugosi es bis in ein erfülltes Spätwerk geschafft.
In jungen Jahren war Norman Lloyd zierlich, fast feminin, und hatte seinen größten Kino-Auftritt als Saboteur im gleichnamigen Hitchcock-Film. (Später hat er höchst erfolgreich Hitchcocks TV-Serie produziert.)

Lloyds Filmographie ist kurz, doch seine Karriere deshalb nicht weniger beeindruckend. Sie begann im Ensemble eines weiteren Hollywood-Giganten:  Orson Welles. Der hatte nach Querelen in staatlich geförderten Bühnenprojekten das „Mercury Theater“ gegründet, um die Klassiker in New York herauszubringen, „with their original speed and violence“, wie Produzent John Houseman ankündigte.

1937 waren Hitler und der drohende Krieg das bestimmende Thema der Wochenschau. Als erstes bürstete Welles also „Julius Cäsar“ zum Zeitstück gegen das Nazi-Regime um. Als Dekoration fungierte nicht viel mehr als ein Licht-Dom nach dem Prinzip des Nürnberger Reichsparteitags.
Trotz des vieldiskutierten Sujets war der (gerade mal 22jährige) Welles unsicher. Immer wieder mal warf er eine Szene raus, mit der er nicht weiterkam, und so war „Julius Cäsar“ am Premierenabend voller Lücken.
Es gab keinen Schluss-Applaus. Als der Vorhang fiel, standen die Zuschauer einfach auf und gingen. Lloyd erzählt: „Ich weiß noch, wie Orson in der Mitte der Bühne stand, in dem grauen Mantel, den er als Brutus trug. Die Truppe stellte sich zum Verbeugen rechts und links von ihm auf und wartete darauf, dass der Vorhang aufging – was nicht geschah. In diese Fassungslosigkeit platzte Hank Sember hinein, einer unserer PR-Leute, und sage zu ihm: ‚Nicht ein Vorhang!‘ Worauf Orson in seinem Mund Spucke ansammelte und sie Sember ins Auge spie.“
Aber eine solche Notlage ließ bei Orson Welles nicht nur den Widerling zum Vorschein kommen, sie schuf auch eine Art von Druck, unter der er besonders kreativ wurde. In einer der Szenen, die an jenem Abend gefehlt hatten, ging es um die Randfigur Cinna, einen Dichter, der unschuldig vom Pöbel angegriffen wird. Diese Szene nahm Welles wieder ins Stück, kleidete den Mob im aktuellen Look der Großen Depression und überließ ihm die Bühne. Die Masse wirkte so bedrohlich, als käme sie direkt aus den Europa-Nachrichten.
Norman Lloyd ging einige Textzeilen murmelnd in einen Lichtkegel hinein und wurde von diesen Finsterlingen, die nach und nach aus dem Schatten traten, umzingelt. Als sie ihn vollständig eingekreist hatten, hetzten sie ihn die Rampe hinunter, dorthin zurück, wo er hergekommen war. Dazu spielte die Hammond-Orgel die gruseligen tiefen Akkorde, die das Publikum aus Welles einschlägigen Hörspielen kannte – Cinnas Abschlachtung im Off akustisch heraufbeschwörend.
Lloyd erinnert sich: „Es gab jedesmal Szenenapplaus. Manchmal dauerte er drei Minuten – das gab es sonst nur am Schluss.“
„Welles erreichte die gleiche Spannung, die die Zuschauer damals bei Shakespeare empfunden haben mussten“, vermutet der Schriftsteller Richard France.

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