Der Song des Tages: „Wenn ich tanzen will“

betr.: 74. Geburtstag von Michael Kunze

In meinem Viertel gibt es eine Bar, in der die schwule Kneipenkultur der 70er und frühen 80er Jahre fortlebt: plüschig, rotbeleuchtet und – obwohl im Erdgeschoss gelegen – mit der Anmutung eines Kellerlokals ausgestattet, in das sich in trüberen Zeiten ein Teil der Gesellschaft vor einer unfreundlichen Mehrheit verkrochen hätte. Sogar das kleine Fensterchen ist noch in die Tür eingearbeitet, das einst auf ein Klingeln hin zu Vergewisserungszwecken von innen geöffnet werden musste, ehe der Gast eintreten durfte. Es wird nicht mehr genutzt, die Tür ist meistens offen. In der Regel wird Schlagermusik gespielt, durchaus auch zeitgenössische. Die Rekonstruktion einer gewissen Heruntergekommenheit ist Teil des nostalgischen Konzeptes.
In diesem Lokal hatte ich kürzlich ein bemerkenswertes Erlebnis.

Zwei Gäste bettelten darum, der Barmann möge ein bestimmtes Musikstück streamen … (Die Anlage ist hinter einem schwarzen Vorhang versteckt. Vielleicht, um die Old-School-Atmo nicht durch einen aufgeklappten Laptop zu ruinieren, vielleicht damit nicht häufiger Musikwünsche geäußert werden.) Die Herren wünschten sich „Wenn ich tanzen will“ aus dem „DramaMusical“ (so die selbstgewählte Gattungsbezeichnung des Autors) „Elisabeth“. Der Barmann gab mit einem pathetischen Bäuerchen sein Einverständnis und bewegte sich auf seine Online-Discothek zu. In einer knappen Minute würde die Nummer starten.
Jetzt saß ich in der Falle.
Einen Song dieser Art hatte nicht mehr in voller Länge gehört, seit ich nachließ, mich beruflich mit neueren Musicals auseinanderzusetzen. Ich war nicht im Training und schon rein physisch einfach nicht darauf vorbereitet.
Was sollte ich tun? Hastig austrinken und zahlen? – Das würde ich nicht rechtzeitig schaffen. Einfach stiften gehen? – Das wäre feige und außerdem Zechprellerei. Aufs Klo verschwinden, bis alles vorbei ist? – Das wäre würdelos, und außerdem wissen wir aus Splatterfilmvorführungen, dass man wohl seine Augen zumachen, nicht aber seine Ohren verschließen kann.
Ich verordnete mir Gleichmut. „Nimm dich zusammen“, sagte ich zu mir selbst. „Diese knapp vier Minuten wirst du ja wohl durchhalten! Ich glaub‘, es geht los!“ (Das ist eine süddeutsche Redensart, die so viel bedeutet wie: Ich glaub‘ mein Hamster bohnert!)
Los ging es tatsächlich, und nur Wimpernschläge später befand ich mich im Klammergriff der Pastiche. Parallel dazu brachen die Verantwortlichen am Tresen in helles Entzücken aus.

Nach einem kurzen Intro begannen die Sänger mit der Arbeit. Sie bringen das Kunststück fertig, keinen einzigen wahren Ton herauszulassen, während sie doch das Einstudierte zweifellos fehlerfrei und technisch sauber ablieferten. Elisabeth von Österreich-Ungarn mutiert in dieser Darbietung zu einem zickigen Motivationscoach. Von einem seltsamen Entsetzen in Bann geschlagen, lausche ich einer Originalschöpfung, die wie eine Übersetzung klingt: „… dann tanze ich auf meine ganz besond’re Art. Am Rand des Abgrunds oder nur in deinem Blick.“
Von dem lauwarmen Krampf, in dem ich vor mich hinbebe, will ich mir auf keinen Fall etwas anmerken lassen. Vermutlich kucke ich gerade ähnlich dumm aus der Wäsche wie ein gelangweilter Partygast, der versucht, einen Gähnanfall zu verheimlichen.
Während ich mich wie das Opfer in einem Bela-Lugosi-Film fühle, das von näherkommenden Wänden bedrängt wird, wird auch Sisi zu einem klebrigen Würfel gepresst.
Endlich imitiert der Synthesizer einen Posaunen-Abschluss: Sisi hat es geschafft, der Tod leistet keinen Widerstand mehr.
War das denn jetzt wirklich sooo schlimm, fragt mich das Trash-Teufelchen auf meiner Schulter – es ist eine rhetorische Frage.

Älter an Seele und Gesicht wanke ich ins Freie, fünf Stunden vor Sonnenaufgang bereits restlos verkatert. Der Sisi-Zeitgenosse Leon Bloy hat es ganz richtig erkannt: „Der echte Wahnsinn ist jener, der am stärksten auf volkstümlicher Einbildungskraft ruht.“

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