In His Image – Die Hitchcock-Stewart-Partnerschaft

betr.: Jens Wawraczeck liest „Vertigo“ als Hörbuch

Als „Vertigo“ herauskam, erhielt er nur gemischte Kritiken. Etwas mehr als sechzig Jahre später stieß er „Citizen Kane“ vom Thron des „besten Filmes aller Zeiten“. Für Hitchcock-Fans sind solche Anekdoten eher zum Schmunzeln, doch auch unter ihnen ist der Superlativ verbreitet, dass Hitchcock hier in besonders hemmungsloser Weise seine Obsessionen nach außen gekehrt hat.

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„Vertigo“ ist der 8. Titel aus der Hitchcock-Hörbuchreihe von Jens Wawrczeck (Foto: Edition Audoba / Eric Jacquet Photography)

Mit seinen weiblichen Stars hatte es Hitchcock viel schwerer als mit den männlichen. Grace Kelly, Inbegriff der „kühlen Blonden“ in Not, verließ ihn und Hollywood nach drei gemeinsamen Arbeiten, um ausgerechnet einen Mann zu heiraten, den Hitchcock ihr vorgestellt hatte. Es ist kein Geheimnis, dass Kim Novak in „Vertigo“ nur ein Ersatz war, der den Regisseur (wenn auch als einzigen) nicht zufriedenstellte.
Mit den Männern war es einfacher.
In den 40er und 50er Jahren drehte der Meister je vier Filme mit Cary Grant, der dem Bild entsprach, das der Regisseur gern von sich gehabt hätte. In James Stewart fand er den idealen Übermittler seiner inneren Verwerfungen. Das verwundert angesichts des Status, den Stewart innehatte, als er Ende der 40er mit „Rope“ seinen ersten Hitchcockfilm drehte: er war der grundanständige amerikanische Jedermann des Kinos, der im Finale keines seiner Filme versäumte, noch eine kleine Moralpredigt vorzutragen. (Er tut das sogar in „Rope“ und „Vertigo“!)
In „Rope“ ersetzte er den bisexuellen Cary Grant, der wegen der homosexuellen Aspekte des Plots vor der Rolle zurückgeschreckt war. Der Darsteller Farley Granger (im Leben wie auf der Leinwand schwul), brachte es auf den Punkt: die Präsenz James Stewarts eliminierte die homosexuellen Untertöne.
Dennoch war James Stewart aus der wohlgeordneten Welt des Anti-Hitchcocks Frank Capra, dessen Lieblingshauptdarsteller er lange gewesen war, in eine schattigere Sphäre eingetreten; in den 50er und 60er Jahren wurde er außerdem zu einem der großen  – durchaus zwiespältigen – Westernhelden.
Doch die Hitchcock-Thriller bleiben Fremdkörper in seiner Filmographie, und auch in dem, was wir über den Menschen James Stewart zu wissen glauben, findet sich nichts, was zu ihnen passen möchte. Im Jahre 1987 führte der Schauspieler ein längeres TV-Interview mit dem Talker Johnny Carson, das die Grundlage für die Filmbiographie „A Wonderful Life“ bildete. Hier wird wieder das Bild der nationalen Vaterfigur gezeichnet.  Zu den Hitchcockfilmen, deren künstlerischer Wert zu diesem Zeitpunkt längst nicht mehr angezweifelt wurde, verlieren die Herren kein Sterbenswörtchen. Aus Gründen der Ausgewogenheit werden ein paar Ausschnitte gezeigt, darunter eine der Turmszenen aus „Vertigo“, aber die wirken wie nachträglich eingefügt.
Es scheint, als wären James Stewart diese Arbeiten im Rückblick doch etwas unheimlich gewesen . Bei „Vertigo“ hatte seine Präsenz keinen der abgründigen Untertöne mehr zu eliminieren vermocht.

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