Die schönsten Filme, die ich kenne (50): „Show People“

Mary Pickford klagte, es wäre logischer gewesen, wenn sich der Stummfilm aus dem Tonfilm entwickelt hätte, nicht umgekehrt. In der Tat war der Stummfilm zuletzt so weit verfeinert worden, dass sein abruptes Ende etwas Unverdientes und Verschnupfendes hat. Es wirkt ein bisschen so, als sei eine Serie, die man wahnsinnig liebt, zu früh abgesetzt worden.
Als „Show People“ in Produktion war, war diese Zeitenwende bereits eine unabwendbare Tatsache. Er war also von vorneherein veraltet, gehört aber zu den Stummfilmen, die noch fertiggestellt und aufgeführt wurden, weil es nach dem „Jazz Singer“* ohnehin noch knapp  drei Jahre dauerte, bis sich die Kinos und Filmateliers auf die neue Technik eingestellt hatten – und das ist ein großes Glück.

„Show People“ ist ebenso pfiffig wie seine Hauptdarstellerin und so temporeich, dass man das Fehlen des Tons nach einer Weile gar nicht mehr bemerkt. Außerdem spielt sich auch seine Handlung in der Welt der Sahnetorten-Comedy ab, die hier sowohl ein letztes Mal gefeiert als auch kritisch reflektiert wird. Die Nachwuchsschauspielerin Peggy träumt davon, eine große Tragödin zu sein, wird aber in Hollywood nur in Lustspielen eingesetzt. Zu ihrem Leidwesen hat sie dort augenblicklich einen Erfolg, der ihre dramatischen Ambitionen gefährdet.

Der unzufriedene Jungstar wird von Marion Davies gespielt, einer enigmatischen Figur der Zeitgeschichte. Sie war die Geliebte des greisen Pressezaren William Randolph Hearst, der im Filmklassiker „Citizen Kane“ karikiert wurde. (Auch Marion Davies wird dort abgebildet, allerdings in verzerrter Weise.) Wenn wir den zahlreichen übereinstimmenden Überlieferungen glauben wollen, war die ehemalige Revuetänzerin Marion Davies jedoch keineswegs das sprichwörtliche Neppweibchen, das sich von einem stinkreichen Opa eine Karriere kaufen lässt. Zunächst einmal war sie tatsächlich begabt – wie wir in „Show People“ sehen können -, soll den alten Hearst wirklich geliebt haben und war kollegial, hilfsbereit, humorvoll und großzügig. Als der Mogul in seinen letzten Jahren (ein ganz klein wenig) von der Wirtschaftskrise gebeutelt wurde, gab sie ihm ihren Schmuck und ihre Nerze zurück.

Was Marion Davies in der Welt zwischen Jet Set und Tinseltown tatsächlich bedeutete, wird in einer bemerkenswerten Szene in „Show People“ deutlich. Vor einen Kino, in dem gerade ihr neuer Film gelaufen ist, wird sie von einem Fan angesprochen und um ein Autogramm gebeten. Hochnäsig erbarmt sie sich, und nachdem der dankbare Kerl verschwunden ist, beklagt sie sich bei ihrem Begleiter über „diesen Wicht“. Er belehrt sie, das sei Charlie Chaplin gewesen, den sie ohne sein klassisches Kostüm nicht erkannt hatte.
Dass der damals berühmteste Mann der Welt in einem fremden Film auftritt, und noch dazu in privater Aufmachung, war einmalig, ein Ausdruck immenser Wertschätzung und eine Sensation, die wir in der Ära der Youtube-Millionäre und gesuchten „Superstars“ kaum ermessen können.

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2014/10/06/ruhestoerung-in-hollywood-die-verschreckte-leinwand/

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