Die schönsten Filme, die ich kenne (51): „Das Kuckucksei“

Der Autor und Schauspieler Harvey Fierstein (sprich Feierstiehn) ist im zeitgenössischen Musical so etwas wie der Delivery Boy für zahme Bilder aus der Welt der Subkultur, des Schrillen und Schrägen. Mit hellwacher Vorsicht sorgt er dafür, dass es dem bürgerlichen Publikum seiner von schwulen Paradiesvögeln bevölkerten Shows „La Cage Aux Folles“ und „Kinky Boots“ nicht allzu schrill und gar zu schräg wird, dass nichts von der bedrückenden Diskriminierung durchsickert, unter der diese Charaktere noch vor kaum 30 Jahren leben mussten. In „Hairspray“ wiederum wird die Rassenproblematik der amerikanischen 60er zu einem Sonntagsspaziergang der Marke „Nichts für ungut“, und die Minderwertigkeitsomplexe der molligen Heldin sowie ihre Sehnsucht im Fernsehen aufzutreten sind das entschieden größere Drama. Der letzte Rest von Subversion wurde „Hairspray“ (dem Musical, das auf einem zahmen Spätwerk von John Waters basiert) in der Verflimung ausgetrieben, als der echte Ex-Underground-Künstler und Warhol-Darsteller Fierstein, der die Mutterrolle auf der Bühne gespielt hatte, durch John Travolta ersetzt wurde. (Interessiert eigentlich noch irgendjemanden, warum John Waters für diese Rolle in seiner Urfassung nicht von vorneherein einfach eine Frau genommen hat?)

Natürlich ist Harvey Fierstein dieser Erfolg unbedingt zu gönnen, doch wer mit seinen früheren Arbeiten, mit seiner Stimme und Ausstrahlung vertraut ist, den muss drängende Trübsal anwehen angesichts all der Zuckerpampe, unter der er sich dafür hat begraben lassen – zumal er auch in seinen Anfängen nie ein Bürgerschreck gewesen ist. (Immerhin hat er es nun nicht mehr nötig, so niedere Arbeiten zu verrichten wie seine Kleinstrolle in „Independence Day“ …)
Fiersteins erster Hit außerhalb des Underground, war das Bühnenstück „Torch Song Trilogy“*. Es sorgte Anfang der 70er Jahre lange für volle Häuser am Broadway.
Die gleichnamige Verfilmung von 1988 (wieder mit dem Autor in der Hauptrolle) war trotz allen Anspruchs und Tiefgangs ein witziges Feelgood-Movie, das niemandem wehtat – einige Steinzeit-Konservative oder Antisemiten einmal ausgenommen. Man fühlte sich darin ein bisschen wie bei den „Golden Girls“, einer Serie, die zur nämlichen Zeit sehr beliebt war (und deren „Sophia“ am Broadway Fiersteins Mutter spielte).

Der Travestie-Künstler Arnold Beckoff lebt mit dem Yuppie Alan in eheähnlichen Verhältnissen in Greenwich-Village. Die beiden streben die vom New Yorker Gesetz erlaubte Adoption eines homosexuellen Jungen an. Als Alan vor der eigenen Haustür erschlagen wird, muss Arnold den Teenager David (ein ziemliches Früchtchen) allein großziehen. Dabei gerät er immer wieder mit seiner Mutter aneinander, einer strenggläubigen Jüdin, die die Neigung ihres Sohnes ablehnt, seit sie ihn in Kindertagen an ihrem Kleiderschrank erwischte. Arnolds lang vor ihr verheimliche Vaterschaft bringt sie vollends auf die Palme.
Auf selten wohltuende Weise hält „Torch Song Trilogy“ die Balance zwischen Groteske und Melodram, Extrovertiertheit und Anteilnahme. Was da an Misslichkeiten auftaucht – (schwule) Beziehungsprobleme, Mutter-Kind-Probleme, Tod und Nachfolge, das Leben als freier Künstler … – wird sehr offen verhandelt.

Es ist so seltsam wie bezeichnend, dass „Das Kuckucksei“ bis heute nicht als deutsche DVD herausgekommen ist. (Für schwule Sujets gibt es nicht nur eigene Vertriebswege, es werden sogar Filme explizit für diesen Markt produziert – Geld ließe sich demnach damit verdienen.)
Die deutsche Fassung ist nämlich großartig: in der Hauptrolle hören wir Tommi Piper, der oft darüber klagt, dass ihm seine größte Synchron-Rolle „Alf“ letztlich nur Verdruss gebracht hätte.
Im grandiosen Prolog**, in dem Arnold am Schminktisch zum Publikum spricht, fällt ein Bonmot, das Oscar Wilde neidisch gemacht hätte: „Mein größtes Problem sind meine Jugend und meine Schönheit. Denn ich war nie jung und schön. Natürlich bin ich mal jung gewesen und habe zeitweise auch sehr gut ausgesehen – aber nie zur selben Zeit!“

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* Zur Bedeutung des Bergriffs „Torch Song“ siehe https://blog.montyarnold.de/2017/06/24/broadways-like-that-62-der-letzte-torch-song/. „Trilogy“ deshalb, weil das zugrundeliegende Bühnenstück aus drei verschiedenen Theaterstücken über Stationen im Leben des Arnold bestand, die erst in der Broadway-Bühnenfassung „Torch Song Trilogy“ erstmals zusammengefügt wurden.
** Darauf wird an dieser Stelle noch eingegangen.

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