Erleuchtung im Regen

betr.: „Hauptsache die Chemie stimmt“ von Bryan Cranston (Fischer Verlag)

Selbstredend ist niemand so doof, einen Schauspieler ernsthaft mit seiner Figur zu verwechseln (woll’n wir’s hoffen), aber in diesem Falle springen ein paar Gemeinsamkeiten ins Auge: sowohl Bryan Cranston als auch der von ihm verkörperte spätberufene Drogenkoch Walter White aus „Breaking Bad“* mussten jahrzehntelang hart und vergeblich vor sich hinrackern, um erst mit 50 reich und berühmt zu werden. Das hat im Falle des Schauspielers nicht nur Nachteile. Vielleicht geht es ihm ein bisschen wie Telly Savalas, der einst im (nicht ganz so reifen) Mannesalter als „Kojak“ Karriere machte und erklärte, zu diesem späten Zeitpunkt könne einem der plötzliche Ruhm nicht mehr gefährlich werden.
Am Charakter Walter White hat mich von Anfang an gefesselt, wie dieser konservative, pingelige Nerd mit seinen unscheinbaren Skills und Sekundärtugenden alle auf die Matte legt, all die jüngeren / cooleren / fieseren Latinos / Gangster / Halbstarken.
Selbstverständlich darf die Bewunderung für ihn nicht weiter gehen, als bis zu jener Folge der Serie, die Cranston gleich zu Beginn seines Buches beschreibt. So als sei hier wirklich Schluss mit lustig, distanziert er sich im Vorwege von dem Verbrechen seiner Figur, ein schlafendes Junkie-Mädchen nicht vor dem Ersticken gerettet zu haben – als drohte hier wirklich die eingangs genannte Verwechslung des Darstellers mit der Rolle.
Das war abscheulich, aber auch danach brach die allgemeine Faszination für sein Treiben nicht ab, sonst hätte die Serie ja an diesem Punkt zuende sein müssen.**

Ich bin bei der Lektüre von „Hauptsache, die Chemie stimmt“ letztlich auf meine Kosten gekommen. Ich lernte wieder einiges über die Geschichte des Fernsehens, las ein paar Horrorgeschichten aus der Tristesse der der amerikanischen Mittelklasse (ein Topos, der mich stets anlockt) und bekam zuletzt noch ein paar Set-Anekdoten aus „Breaking Bad“ geboten. Alles in Ordnung.

Ein wenig enttäuscht war ich dennoch, denn als Erzähler ist Bryan Cranston ähnlich glanzlos wie Walter Whites Leben vor dem Fünfzigsten.
Mit den Zufällen, die unser aller Dasein mitbestimmen, gibt sich der Autor nicht zufrieden – „das hier“ ist schließlich Hollywood.
Dass er in seinen heutigen Beruf eher hineingestolpert ist, nachdem er eine Weile mit dem Gedanken gespielt hat, Polizist zu werden, wird nicht einfach erzählt, es wird einem Erleuchtungsmoment auf einer Motorrad-Tour des 23jährigen durch den Westen zugeschrieben: „Ich starrte hinaus auf den Regen, fasziniert von seiner endlosen, absoluten Gleichförmigkeit. Ich war in Südkalifornien aufgewachsen, unter einem ewig blauen Himmel. Ich hatte noch nie solchen Regen gesehen. Breite Wasserfälle stürzten säulenförmig das Dach hinunter. Für mich sahen die Sturzbäche aus wie die Gitterstäbe vor einer Gefängniszelle. Langsam streckte ich die Hand aus, um den Strom anzuhalten, die Gitterstäbe für einen Moment zu zerbrechen. Aber wenn ich meine Hand zurückzog, waren sie wieder da. Ich fühlte mich, als würde ich festsitzen, wie ein Gefangener.“ – Bei diesem Gedanken erkennt der junge Reisende, dass er niemanden ins Gefängnis stecken möchte, wie es Polizisten mitunter tun, und die anschließende Lektüre von „Hedda Gabler“ (den „Tod eines Handlungsreisenden“ hat er schon zuvor gelesen), macht ihm klar, was er stattdessen werden möchte: Schauspieler.
Es gibt viel solche Theatralik. Eine ohnehin recht dramatische Erfahrung mit einer durchgeknallten Geliebten würzt er mit einem (billigen) Wachtraum-Effekt aus der Kino-Trickkiste, und ein Erlebnis auf einem Klassentreffen legt er so aus: „Am Empfangstisch erhielt ich mein Namensschild mit der Silhouette eines Mustermannes, weil mein Foto nicht im Jahrbuch gewesen war. Für mich hatte dies immer Bände über meine damalige Identität gesprochen. In gewisser Weise glaube ich, das es das war, was mich dazu antrieb, etwas Bleibendes zu schaffen.“
(Waren es Kolportage-Stilblüten wie diese, die meine Buchhändlerin leise mit dem Kopf schütteln ließen, als sie mir das Buch verkaufte?)

Nein, warnen möchte ich vor dieser Lektüre niemanden! Über andere Textstellen habe ich mich nämlich sehr gefreut, es gibt Grundsätzliches über Branche und Beruf zu lesen. Zum Thema handwerkliche Schlampigkeit schreibt Cranston: „Möglicherweise registrieren die Zuschauer diese kleinen Fehler nicht bewusst, aber wenn man nicht aufhört, sie zu machen, greifen Sie nach der Fernbedienung oder sie verlassen den Kinosaal. (…) Vielleicht ist ihnen gar nicht klar, dass sie auf aufgesetztes Spiel oder eine Nachlässigkeit im Plot reagieren. Es ist auch nicht die Aufgabe des Publikums, die Gründe dafür zu artikulieren.“
Es wird einiges wunderbar auf den Punkt gebracht in „Hauptsache die Chemie stimmt“.

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2014/09/10/hallo-welt/
** Das geschah bereits gegen Ende der zweiten von Sechs Staffeln.

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