Ein Musiker für schlechte Zeiten

betr.: 42. Todestag von Bernard Herrmann

Bernard Herrmann starb Stunden nach seiner letzten Aufnahmesession für den Film „Taxi Driver“. Er war insofern ein glücklicher Mann, als er das Einsetzen seiner posthumen Würdigung noch erleben durfte. Kein anderer Filmkomponist wurde und wird so häufig als Großmeister dieser lange zu unrecht unterschätzten (und heute in der Tat nur noch technisch bedeutsamen) Kunst bezeichnet.* Dass dies keine reinen Lippenbekenntnisse sind, merkt man daran, dass einzig Herrmanns Musik in die viel später entstandenen Remakes einiger seiner Filme hinübergerettet wurde – wohlgemerkt die gesamte Partitur, nicht etwa nur der Refrain des Titelmotivs.
In einer aktuellen Dokumentation, die bestrebt ist, dem Film „Psycho“ seine allerletzten Geheimnisse zu entreißen**, kommen einige ehrfürchtige Spezialisten zu Wort.

Besonders weit geht die Verehrung bei Kreng. Er zeigt uns das Tattoo, das seinen gesamten rechten Unterarm bedeckt: die oszillografische Darstellung eines der Geigen-Schreie aus dem legendären Duschenmord. „Das hat sehr wenig mit Harmonie zu tun. Es ist einfach nur der reine Horror!“
Kreng lobt, dass Herrmann „verstanden hat, dass er mit Beschränkung eine viel beeindruckendere Aussage machen kann.“ („Psycho“ ist für reines Streicherensemble geschrieben, in Anlehnung an die Idee des Regisseurs, den Film in Schwarzweiß zu drehen.) „Im Vorspiel von ‚Der Tag, an dem die Erde stillstand‘ hören wir sieben Theremins und nur Kupferhörner.“ Kreng geht auch auf das Spotting ein, also die Entscheidung, wo ein Musikeinsatz im Film beginnt und wo er endet. Der Dusch-Szene geht ein leises Underscoring voraus, und als sich die Heldin unter die Dusche stellt, hören wir keine Musik. „Dieser Komponist bereitet uns überhaupt nicht auf den Angriff vor, der gleich stattfinden wird! Erst als der Vorhang aufgerissen wird, wird der erste Stich gesetzt.“
Manche Kollegen meines es aber auch etwas zu gut. Vor einem Lob, wie es Marco Beltrami im aktuellen Dokumentarfilm „Score“ spendet, muß man den Filmklassiker wie auch den Komponisten eher in Schutz nehmen: „Ohne Musik wäre das gar nicht so gruselig. Man würde mehr darauf achten, wie die Szene gedreht wurde.“ So etwas kann  nur jemandem einfallen, der sich diese Szene zum x-ten Male anschaut, mit den Augen eines analytischen Fachmanns.

Danny Elfman hält Bernard Herrmanns „Living Doll“ für „einen der besten Scores der Serie ‚Twilight Zone': „Er besteht aus einer Bassklarinette – vielleicht war es auch ein Kontrafagott -, einem Glockenspiel und einer Harfe. Herrmann experimentierte gerne. Er hat mir beigebracht, dass man überall alles tun kann, solange es funktioniert.“
Elfman hatte 1998 die Aufgabe, Herrmanns Musik für das „Psycho“-Remake neu einzuspielen, nachdem sie zunächst nur als vorläufige Musik beim Schnitt verwendet worden war. „Es ist der perfekte Score“, sagt Elfman. „Die Partitur war für mich bei diesem Job wie die Heilige Schrift. In einem Meeting machte einer der Produzenten den Vorschlag, weil der Film in Farbe ist, sollten wir die Musik mit Bläsern und Percussion, mit einem ganzen Orchester aufnehmen. Ich sagte nur: ‚Nein, nein nein! Bitte, bitte zwingt mich nicht dazu!‘ Ich hatte Visionen von einem sehr griesgrämigen Bernard Herrmann, dessen Geist mich mitten in der Nacht aufweckt und fragt: ‚Du kleines Arschloch, was hast du getan?'“
Die Qualität des Originals wird bei dieser Überlegung auch eine Rolle gespielt haben.

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* „78/52 – Die letzten Geheimnisse von ‚Psycho'“, USA 2015, 85 min.
** Damit ist gemeint, dass die Musik eines Filmes rein künstlerisch für seinen Erfolg oder Misserfolg keine Bedeutung mehr hat, solange sie ihn atmosphärisch nicht offen sabotiert.

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