Die schönsten Filme, die ich kenne (55): „Wie man Erfolg hat, ohne sich besonders anzustrengen“

Zugegeben: für mich ist die Partitur in einem Musical das Wichtigste. (So ähnlich hat es bereits der große Librettist Oscar Hammerstein II in einem berühmten Ausspruch formuliert.) Als Liebhaber kann ich ja von Glück sagen, wenn ich ein Musical wenigstens als Schallplatte kennenlernen darf. Und auch, was ich im Film oder live erleben konnte, hat mich selten durch seine Geschichte begeistert, wenn die Musik nichts taugte.
„How To Succeed In Business Without Really Trying“ liebe ich ganz ausdrücklich nicht nur wegen seiner Musik. Hier haben wir es mit einem Gesamtkunstwerk zu tun, der perfekten Show, einem Vergnügen, bei dem Handlung, Gesang und Tanz (Bob Fosse) nicht zu trennen sind, auch von Slapstick und Satire nicht. Neben den Genre-üblichen eskapistischen Qualitäten besticht es aber auch mit ungewohnten Vorzügen. Das fängt schon mit dem Helden an: einem sardonischen Yuppie, der das große Liebeslied der Show nicht an seine hinreißende Partnerin richtet, sondern ans eigene Spiegelbild.

Innerhalb weniger Tage steigt J. Pierpont Finch (sprich „Fink“) vom Fensterputzer zum Aufsichtsratsvorsitzenden einer Firma auf (von der wir nie erfahren, womit sie sich eigentlich beschäftigt). Dabei helfen ihm seine Chuzpe, der Zufall und die Taschenbuchausgabe eines Ratgebers, dessen Anweisungen er minuziös befolgt. Am liebsten lässt er die Torheit seiner Konkurrenten für sich arbeiten, doch zur Not bringt er sie trickreich zu Fall. Dass ihm zuletzt auch noch die große Liebe in die Arme fällt, ist die logische Konsequenz der geglückten Operation.

Was der quirlige Robert Morse in diesem Film leistet, ist ganz und gar einzigartig. Er verbindet die individuelle Strahlkraft seiner verblüffendsten Kollegen – etwa James Cagney in „Yankee Doodle Dandy“ oder Donald O’Connor in „Singin‘ In The Rain“ – mit dem Timing, dem Witz und der Frechheit von Bugs Bunny. Sein Humor ist kompromisslos, sein Charme irrational aber überwältigend. Und er hat den ganzen Film über kaum eine ruhige Minute, während er sich „nicht besonders anstrengt“.*
Dieser Film profitiert davon, dass sich fast das gesamte Ensemble der Broadway-Besetzung von 1961 sechs Jahre später auf der Leinwand wiedertrifft. Hier sei (spontan und beinahe wahllos) einer der Kollegen herausgegriffen, deren Auftritt ich nie vergessen werde: der kauzige Sammy Smith steht am Beginn wie am Ende von Finchs Karriereleiter. Er spielt sowohl den alten Aufsichtsratsvorsitzenden Wally Womper, der Finch schließlich zu seinem Nachfolger machen wird, als auch Mr. Twimble, den Leiter der Poststelle. Twimble ist ein gutherziger Kleinbürger, der es sich in der Perspektivlosigkeit seiner Laufbahn schon frühzeitig bequem gemacht hat. Im Herrenduett „The Company Way“ erklärt er dem Anfänger, wie man ein Leben lang in Lohn und Brot bleibt: indem man nicht auffällt und es allen recht macht. („You face is a company face!“ singt Finch. „It smiles at executives, then goes back in place!“ bestätigt Twimble.) Es ist das erste Comedy-Highlight des Abends und die ehrlichste Nummer überhaupt über den real existierenden Entertainment- und Medienbetrieb.

All die hier abgebildeten Wahrheiten über das (Geschäfts)leben sind vielleicht nicht mehr so saukomisch wie damals, als man sie noch für Übertreibungen halten konnte (sogar die sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz hat ihren Song), aber man kommt blendend zurecht. „How To Succeed In Business Without Really Trying“ erhielt nicht nur diverse Tonys sondern auch den Pulitzer-Preis. Es ist das letzte Musical des Komponisten und Songtexters Frank Loesser, den wir heute vor allem für „Guys And Dolls“ verehren.

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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2015/06/29/der-schoenste-weg-in-die-sixties/

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