Die schönsten Filme, die ich kenne (56): „Spiegelbild im goldenen Auge“

Die Romane von Carson McCullers wurden von der Kritik der Südstaaten-Gotik zugerechnet. Sie zeigen ein „unheimliches Niemandsland des Geistes, heimgesucht von Schrecken, die aus den Seelenqualen der (…) Figuren wachsen“*. Die Verfilmung von „Reflections In A Golden Eye“ (1966) wird dem gerecht: sie ist morbide, schwül(stig) und campy – war zunächst ein Flop und wurde Anfang der 80er für kurze Zeit zu einer Art Kultfilm.

Major Penderton (Marlon Brando) fristet Ende der 40er Jahre mit seiner pferdebesessenen Frau Leonora (Liz Taylor) ein eintöniges Leben auf einem abgeschiedenen Militärposten in Georgia. Seine homophilen Neigungen hält er mit barschem Auftreten gegenüber seinen Untergebenen nieder, ihre Schwulenwitze überhört er mit soldatischer Tapferkeit. Nachdem Leonora in einer Affäre mit dem ebenso unselig verheirateten Offizier Langdon nicht die ersehnte Erfüllung gefunden hat, fällt ihr Blick auf den Stallburschen Williams. Sie weiß nicht, dass auch ihr Mann diesen heimlich verehrt und einen regelrechten Kult um ihn veranstaltet. Das kann nicht gutgehen – es geht nicht gut …

Zahlreichen Zeitzeugenberichten lässt sich entnehmen, dass John Huston im Ausdeuten sexueller Zwischentöne keine Leuchte war, und das wurde nicht besser, wenn es um homosexuelle Zwischentöne ging. Marlon Brandos Schilderung von den Dreharbeiten  erhärtet diesen Verdach: „Er gab uns überhaupt keine Anweisungen. Er besorgte sich gute Schauspieler und ließ sie improvisieren, half aber nie bei der Entwicklung einer Rolle mit, wie Kazan es getan hatte. (…) Bei diesem Film rauchte John ziemlich viel Gras, und vor einer Aufnahme gab er mir ein bißchen Marihuana. Binnen kurzem hatte ich keine Ahnung mehr, wer oder wo ich war oder was ich zu tun hatte.“ – Sogar das Zeichen zur Aufnahme sollen sich die Schauspieler selbst gegeben haben.
Drehbücher las sich Brando vorher sowieso niemals durch, und zur Annahme der Rolle war er vor allem durch die Gage bewogen worden, nachdem der dafür vorgesehene Montgomery Clift verstorben war und Taylors Mann Richard Burton abgelehnt hatte. Einem Freund vertraute Brando an, dass er vom Übergewicht seiner Filmpartnerin und ihrer Vulgarität angewidert  gewesen sei: „Wenn ich so eine Frau hätte, würde ich schwul werden.“
All diesen Murksigkeiten zum Trotz entlockte Huston ihm „die komplizierteste, rundeste und intelligente schauspielerische Leistung, die der Schauspieler je auf der Leinwand gezeichnet hat!“ jubelte Brando-Biograph Tony Thomas.

Sieht man sich „Spiegelbild im goldenen Auge“ an, ohne sich für diese Hintergründe zu interessieren – bzw. blendet man die Person John Huston aus – kann man ihn auch als treffliche Groteske lesen, als das Werk eines makaberen Scherzboldes. Die Charaktere sind nicht eben liebenswert, und die entwürdigenden Scherereien, die sie sich mit ihrer Verklemmtheit, ihrer Bigotterie und ihrem kruden Begriff von Ehre, Recht und guter Ordnung einhandeln, geschehen ihnen ganz recht. Als der schrille philippinische Hausboy Anacieto die Treppe hinunterfällt, zischt Oberst Langdon: „Warum nur hast du dir nicht den Hals gebrochen?“

Bei der Herstellung des Films kam ein Verfahren namens Filtracolor zur Anwendung, das die Farben nicht voll zur Geltung brachte, sondern lediglich im sogenannten Desaturierungsprozess entsättigte und golden schimmern ließ, mit vereinzelten roten Bildelementen: Kleidungsstücken, Teppichen oder Ähnliches. Erst das hochdramatische Ende flasht in vollem Technicolor. Dieser Effekt wurde auf einigen späteren Tonträger-Veröffentlichungen eliminiert.

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* Tony Thomas in seiner Brando-Biographie. Näheres zu dieser Literaturgattung unter https://blog.montyarnold.de/2019/08/07/traum-und-alptraum-vom-alten-sueden/.

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