Hustinettenbär des Feuilletons

betr.: 84. Geburtstag von Hellmuth Karasek

Hellmuth Karasek gab es gleich zweimal: als Kritiker gedruckt und als knuffigen Intellektuellen zum Liebhaben auf dem Bildschirm. Der Kritiker hatte imposante Bewunderer. Heinrich Böll attestierte dem jungen Journalisten Karasek 1972, „den fürchterlichen Bier-Ulk-Ernst (…) des deutschen PEN erkannt“ zu haben*, der Kritikerpapst und Popstar  lobte seine Allgemeinverständlichkeit und berief ihn als festen Beisitzer ins „literarische Quartett“. Dadurch wurde Karasek zum Fernsehstar, der immer häufiger auch in Quiz- und Spielshows saß, in Witzeerzählsendungen und auf verschiedenfarbigen Plaudersofas.
Der Unterschied zwischen dem schreibenden und dem live sprechenden Karasek (ich beziehe mich hier auf seine Auftritte in Kulturmagazinen) hätte größer nicht sein können. Im „Quartett“ war er stets der redliche, unbestechliche Bauchmensch, der wahre Anwalt des freiwilligen und in seiner Freizeit Lesenden (was seinen Kollegen nicht immer glückte). Er beurteilte die besprochenen Werke fair und ohne jede Voreingenommenheit, seine Verrisse wie auch seine Verteidigungen wurden mit der Glut eines persönlichen Anliegens vorgetragen.
Ganz anders, wenn er schrieb.
Bei der Lektüre seiner Artikel und Bücher hatte ich oftmals den Eindruck, etwas mehr Recherche, etwas weniger Vertrauen ins eigene Elefantengedächtnis hätten dem Ergebnis gutgetan.
Man durfte für Karaseks Sujets nicht allzuviel Interesse aufgebracht haben, ehe man seine Version zur Hand nahm. Besonders, wenn es um Filmkunst ging, war mir das seinerzeit nicht möglich.

„Billy Wilder – Eine Nahaufnahme“, Hellmuth Karaseks Buch über den aus Wien stammenden Hollywoodregisseur, war so ein Fall. Darin tummeln sich zahlreiche Unsauberkeiten, Eleganzmängel und lexikalische Fehler. Gewiss: Karasek hatte sich ausgiebig mit Wilder unterhalten, einem hellwachen und vor Anekdoten strotzenden Zeitzeugen. Aber das Zauberwort heißt „redigieren“, und darin ist auch das Ausräumen der Streiche enthalten, die einem das Gedächtnis zuweilen spielt.
Wie tückisch es mitunter zugeht, ließ sich bei einem öffentlichen Plausch Hellmuth Karaseks mit Billy Wilder beobachten.
Wilder sprach über die besondere Bedeutung des amerikanischen Kinojahres 1939: „Dieses Jahr war für Hollywood, was 1912 für den Rotwein war. 1939 war das beste Jahr für die Oscars – ich hab nichts damit zu tun gehabt. In einem Jahr – ich versuche, mich zu erinnern – gab es ‚Stagecoach‘, ‚The Citadel‘, ‚Ninotchka‘, ‚Gone With The Wind‘ … und ‚Rebecca‘. Fünf Filme von großer Bedeutung!“ – Karasek: „Rebecca ist leer ausgegangen!“
Hitchcock hat zwar nie persönlich einen Oscar bekommen, doch wurde „Rebecca“ sogar als Bester Film ausgezeichnet – den Oscar bekam der Produzent David O. Selznick. Wilder wiederum bringt die Oscar-Verleihungen 1938, ‘39 und ‘40 durcheinander.

So etwas passiert in der lockeren Atmosphäre eines gut laufenden Interviews unentwegt. Ich führe dieses Beispiel nur an, weil es mich sehr an die Lektüre von „Billy Wilder – Eine Nahaufnahme“ und andere Filmbücher und -artikel des Autors erinnert.
Dass bei dieser Biographie allenfalls ein sehr nachlässiges Lektorat stattgefunden hat, kann an Karaseks Ruf als führender deutscher Wilder-Vertrauter gelegen haben. Mit Sicherheit hat zum Ergebnis beigetragen, dass filmhistorische Themen  hierzulande (anders als etwa in Frankreich) einfach nicht wichtig genommen werden. Undenkbar, dass es so viele Fehler in die Goethe- oder Beethoven-Biographie eines vergleichbar seriösen Verlags geschafft hätten.
Der Schauspieler Joseph Cotten (bei Karasek heißt er Cotton) hat das Problem in seiner Autobiographie „Vanity Will Get You Somewhere“** einige Jahre zuvor schon im Vorwort thematisiert: „Vor einiger Zeit las ich ein Buch, das hieß ‚Alte Männer vergessen‘. (…) Damals dachte ich – und denke noch heute -, dass ‚Alte Männer vergessen‘ der beste Titel sei für ein Buch voller Wanderungen durch das eigene Leben.“

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* In einem Brief an den RAF-Mitbegründer Horst Mahler, dem er sein Verhältnis zur Gewaltfrage erläutern wollte.
** Deutsch 1988 bei Lambda Edition als „Joseph Cotten – Mein unbescheidenes Leben“

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