Transatlantische Zwischentöne

betr.: Jens Wawrczeck hat aus „Cocktail für eine Leiche“ („Rope“) ein Hörspiel gemacht.*

Zu Alfred Hitchcocks Lebzeiten war Homosexualität im Mainstream-Kino kein Thema, allenfalls ein unterschwelliges Motiv. Mitte der 80er änderte sich das mit einer Reihe vor allem europäischer Filme. Vito Russo hatte schon 1981 „The Celluloid Closet“ vorgelegt, eine Sittengeschichte der noch recht versteckten Homosexualität im Film. Auch Hitchcock wird darin verhandelt, denn bei ihm hat es immer wieder solche Charaktere gegeben. Der schwule Mörder in „Strangers On A Train“ etwa stand zwar so nicht im Drehbuch, aber als der Schauspieler Robert Walker ihn in dieser Weise anlegte, ließ Hitchcock ihn amüsiert gewähren.

Schon drei Jahre zuvor hatte der Regisseur in „Rope“ zwei homosexuelle Protagonisten, die ihre Neigung aber niemals thematisieren.

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Angelehnt an die realen Mörder Leopold und Loeb zeigt uns Hitchcock (so Russo) „anmaßende Lover, die aus einer Laune heraus einen früheren Klassenkameraden ermorden, weil sie sich für überlegen intelligent und einer stumpfen Gesellschaft gegenüber moralisch nicht für Verantwortlich halten“. Genaugenommen gilt das nur für einen der beiden; der andere (gespielt vom tatsächlich schwulen Farley Granger) wird eher überredet und verliert im Laufe der Sache die Nerven.

Auch der Drehbuchautor verstand sich auf die schwule Perspektive: Arthur Laurents, später Librettist der „West Side Story“. Laurents berichtet, als das Drehbuch aus dem Hays-Büro zurückkam, seien vor allem Passagen eingekringelt und mit der Anmerkung „homosexueller Dialog“ am Rand versehen worden, die aus dem Originaltext des zugrundeliegenden Theaterstückes stammten. „Und wissen Sie, was das war? Sie sagten einfach so etwas wie ‚My dear boy‘ zueinander, wie man in England eben so redet. Aber hier galt das als ‚warm‘.“

Wer nach dem Genuss dieses Hörspiels noch nicht genug hat: zehn Jahre nach „Rope“ adaptierte auch Richard Fleischer den Fall Leopold-Loeb für die Leinwand. „Der Zwang zum Bösen“ erzählt die Geschichte im Gerichtssaal weiter. Orson Welles nutzt das Finale für ein großes Plädoyer gegen die Todesstrafe. In seinem nächsten Film spielte Welles einen englischen Kapitän und wurde prompt gefragt, wie er darauf komme, dass diese Figur schwul sei? Das sei sie nicht, antwortete Welles, „aber für uns Amerikaner hört sich doch jeder Engländer wie eine Tunte an“.

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* Jens Wawrczecks Hörbuchreihe mit Hitchcock-Romanvorlagen bei Edition Audoba hat hier ausnahmsweise ein Theaterstück zur Vorlage und ist daher ein Hörspiel, keine Lesung.

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