Dear Boris

betr.: 49. Todestag von Boris Karloff

Wenn über einen Filmstar Jahrzehnte nach dessen Tod professionell wie auch persönlich alle voll des Lobes sind, dann muss das nicht viel heißen. Aber im Falle von Boris Karloff, der wie kein anderer sein Gesicht zu dem des wichtigsten Monsters der Popkultur gemacht hat, ist es schon sehr auffällig. Immer wieder wird er als „soft-spoken“ oder „mild-mannered“, als kollegial und gewissenhaft beschrieben. Die einzige unliebenswürdige Äußerung über ihn, die mir in Jahrzehnten unterkam, wird in einem Spielfilm dem Regisseur James Whale in den Mund gelegt: als „einen der langweiligsten Menschen, die ich je getroffen habe“ bezeichnet er ihn in „Gods And Monsters“.

Dear BorisEine Verehrerin hat dem lieben Boris gleich ein ganzes Buch gewidmet.

Recht zuverlässig überliefert sind ein paar Details zu „Frankenstein“, Karloffs 81. Film*, der ihm endlich den Durchbruch brachte. James Whale entdeckte den Schauspieler in der Universal-Kantine, als er einen seiner besten Anzüge trug und ziemlich schmuck ausgesehen haben muss. Der Regisseur hatte schon auf Lon Chaney (soeben verstorben)  und Bela Lugosi (wollte nicht) als Monster-Darsteller verzichten müssen und fragte nun also – einer spontanen Faszination folgend – Karloff. Der war ein wenig beleidigt über den Vorschlag und nahm an.
Den bevorstehenden Weltruhm verdiente sich der Darsteller gewissermaßen auf die harte Tour.
Über das qualvolle Anbringen und Abschminken der berühmten Maske, die Karloffs wirkliche Züge auf optimale Weise mit einbezog, sind schon unzählige Artikel geschrieben worden. Jedenfalls dauerte es Stunden, und auch die Gewichte, die man ihm unter die Füße schnallte, waren sehr unbequem, besonders nachdem er sich den Rücken beim Schleppen seines Co-Stars Colin Clive für den Rest seines Lebens ruiniert hatte. Dreimal wurde er allein deswegen operiert.

Und jammerte er uns etwa die Ohren voll, auf das Monster festgelegt zu sein, das er noch zwei weitere Male vor der Kamera verkörperte und das bis heute in sämtlichen Medien als Logo ausgeschlachtet wird? Kein Stück. Er brachte immer wieder seine Dankbarkeit für diese Karriere zum Ausdruck – zum Beispiel mit dem Satz: „Ich wäre großartig als Little Lord Fauntleroy, aber das würde kein Schwein sehen wollen!“ – und drehte (gegen den ausdrücklichen Willen seiner Ärzte) bis zu allerletzt. Für die Auftritte in seinen letzten Filmen erhob er sich aus einem Rollstuhl.
Jene vier trashigen mexikanischen Horrorfilme sind übrigens ein eher zufälliger Abschluss seiner Karriere. Wenige Jahre zuvor war er noch einem Klassiker und Kultfilm** aufgetreten – als altes Filmmonster.
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* So die Zählung seiner Tochter.
** Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2016/07/20/das-gegenteil-von-spielberg/

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