Die wiedergefundene Textstelle: „Merrydews Lösung“

betr.: 25. Todestag von Joseph L. Mankiewicz 

Joseph L. Mankiewicz war einer großen Autorenfilmer des alten Hollywood. Sein letzter Film war 1972 „Mord mit kleinen Fehlern“ („Sleuth„). Dieses sehr theaterhafte Kammerspiel beginnt damit, dass wir uns dem Grundstück eines exzentrischen Schriftstellers nähern. Er überarbeitet soeben das Ende seines neusten Kriminalromans, und wir hören ihn – zunächst von fern – diesen Text vorlesen. Mankiewicz betätigt sich hier als Parodist der großen Agatha Christie.

„Gemach, Gemach! Lassen Sie sich nicht von Fakten – oder sollte ich sagen: von scheinbaren Fakten – beeinflussen, die Ihren Verdacht in falsche Bahnen lenken könnten! Von Fakten, welche im Grunde keine Fakten sind, sondern absichtlich zu solchen umfrisiert wurden, eben um Sie auf eine falsche Fährte zu lenken! Wie aber, werden Sie fragen, wie sollte der Verdächtige diesen Mord begangen haben? Lassen wir zunächst einmal das Motiv ganz beiseite, weil er sich zum Zeitpunkt der tat an einem ganz anderen Ort aufhielt. Denn wenn Sie es logisch betrachten, steht einwandfrei fest: Dr. Grayson war zum Zeitpunkt des Mordes gar nicht in London. Der gute Doktor war nämlich in der fraglichen Nacht in einem kleinen Hotel in Melksham und kehrte mit dem Zwei-Uhr-Vierzig-Zug nach Broughton Gifford zurück – und zwar verkleidet als Sir Mortimer Tartes Diener Burton, wobei er dafür sorgte, dass der Fahrkartenkontrolleur ihn auch bemerkte. Von da an war alles ein Kinderspiel. Da er wußte, dass es Burtons freier Tag war, war es ihm ein Leichtes, unbemerkt in Heldrick Hall einzudringen und Sir Mortimer mit dem Pfeil aus dem Astrobabium zu ermorden, den er zuvor noch mittels des Schleifsteines am Küchenfenster geschärft hatte. Erinnern Sie sich noch meiner derzeitigen Frage nach einem Messingmesser? Diese Metallspäne hatten mir Kopfzerbrechen gemacht!“
„Alle Wetter, Lord Merrydew! Sir, Ihnen entgeht aber auch nichts! Doch da Sie offenbar recht viel wissen“, fuhr der Inspektor bescheiden fort, „frage ich mich, ob Sie eine Erklärung dafür haben, wie es dem Mörder gelang, sein Opfer mitten auf einen Tennisplatz zu legen und seine Flucht zu bewerkstelligen, ohne irgendwelche Spuren in dem roten Staub zu hinterlassen. Offen gesagt, Sir, wir von der Polizei stehen da vor einem Rätsel!“
St. John Lord Merrydew, der große Detektiv, erhob sich majestätisch. Sein rotbäckiges Weihnachtsmanngesicht glühte vor boshaftem Vergnügen. Lässig entfernte er die Krümel der soeben verzehrten Sandtorte von den Falten seiner etwas zu weiten Weste.
„Die Polizei mag vor einem Rätsel stehen“, brummte er. „Aber Merrydew keineswegs! Vor 30 Jahren war der Mörder Dr. Grayson ein bekanntes Mitglied des russischen Balletts. Er tanzte dort unter dem Namen Oleg Grisinsky. Und wenngleich die Jahre sein Äußeres irgendwie verändert hatten, so war ihm noch seine alte Behendigkeit geblieben! Er trug die Leiche auf die Mitte des Platzes, wobei er auf den Fußspitzen auf der weißen Linie entlangbalancierte, die die Aufschlagfelder trennt, und von da aus warf er sie über zwei Meter weit über den Platz, in die Nähe der Grundlinie, wo man sie fand. Und dann – mit einer sauber ausgeführten Fouetté – wandte er sich um und ging zurück, den Weg, den er gekommen war. Daher hinterließ er keine Spuren.
Und das – Inspektor – ist Merrydews Lösung!“

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