Die schönsten Comics, die ich kenne (20): „Stadt in Hypnose“

„Stadt in Hypnose“ von Michele Gazzarri (Szenario) und Luciano Bottaro* (Zeichnungen), veröffentlicht am 1.5.1975 in „Walt Disneys lustige Taschenbücher“ Nr. 34: „Supermicky“, Egmont Ehapa Verlag Stuttgart, Übersetzung: Gudrun Penndorf

Luciano Bottaro gehört zum harten Kern jener italienischen Comic-Künstler, die wir seit 1967 in „Walt Disneys lustige Taschenbücher“ zu lesen bekamen. In dieser Gruppe fanden sich viele solide, einige grandiose und ein zum Händefalten kläglicher Zeichner. Sie alle werden von Publikum und Fachpresse weitgehend missachtet, seit Carl Barks namentlich enthüllt und als einziger Disney-Comic-Zeichner von Relevanz betrachtet wird. (Strafverschärfend kommt hinzu, dass diese Taschenbücher nicht von Dr. Erika Fuchs – hier lediglich die Chefredakteurin – übersetzt worden sind.) Bei Bottaro ist diese Herabsetzung besonders unangemessen. Er zeichnete – genau wie seine Landsleute – sowohl die Mickymaus- als auch die Donald-Duck-Geschichten und war ein Spezialist für die historische und literarische Parodie. „Stadt in Hypnose“ ist die dunkelste seiner Mediensatiren.

Micky Maus hat zwei Monate im Ausland verbracht. Schon beim Verlassen des heimatlichen Bahnhofs fällt ihm auf, dass sämtliche Bürger die gleiche Kleidung tragen und identische Autos fahren. Alle Kinder (auch sie uniformiert) spielen nur noch mit Jojos. Auch Freundin Minnie ist von etwas erfasst worden, was Herr Maus zunächst für eine besonders aggressive Modewelle hält.
Am nächsten Morgen setzen auch bei ihm erste Symptome ein: seine Gier nach einer bestimmten Zahnpasta übermannt ihn bei der Morgentoilette derart, dass er sie – noch im Schlafanzug – unverzüglich kaufen muss. Nur Goofy – der letzte wirkliche Freigeist der Stadt – macht den Trend nicht mit.
Was niemand ahnt: hinter diesem Phänomen steckt ein Industrieller, der in einer festungsartigen Fabrik residiert und der es geschafft hat, über sämtliche Medien – auch über das Telefon (!) – per Hypnotelesteuerung ganz Entenhausen eine Gehirnwäsche zu verpassen und zum Kauf seiner Produkte zu treiben. Das ist nur ein Testlauf, denn: „Bald beherrsche ich die ganze Welt!“
Besagter Professor Unrath, ein bulliger Widerling mit Hunnenbärtchen, stellt fest, dass einer der 140.627 Haushalte der Stadt nicht mitspielt. Es ist die unverkabelte Junggesellenbruchbude des ökohaft-verlotterten Goofy. Als Dr. Unraths Schergen ihn unaufgefordert besuchen, um ihn gratis mit neuer Unterhaltungs- und Kommunikationselektronik auszurüsten, beginnt Micky etwas zu ahnen …

Die 30 Taschenbuchseiten, die dieser Parabel zur Verfügung stehen, sind viel zu eng (ein selben Band findet sich auch eine 60seitige Geschichte). So fehlt der 2. Akt, in dem Micky Maus dahinterkommt, wo der irre Erfinder seine Zentrale hat. (Dass er eine halbe Stunde nach dessen Abfahrt „den Spuren des Lastwagens“ der Monteure folgt, ist selbst für eine Superspürnase wie ihn ein bisschen viel verlangt.) Auch Mickys Flucht aus der Schurkenfestung fällt recht knapp und reibungslos aus. Dennoch trieb mich diese Geschichte als Achtjährigen tagelang um. Ich dachte viel über die Sehnsucht des Menschen nach, einer Masse anzugehören – und hatte noch gar keine Ahnung, wie viel mehr sie mir im digitalen Zeitalter zu denken geben würde.
In einem anderen LTB-Abenteuer wird einmal die entwaffnend-naive Frage gestellt: „Wenn er die Welt erobert hat, was fängt er dann mit ihr an?“ Beim Bösewicht dieses Abenteuers kennen wir die Antwort.

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* Zu Bottaro siehe auch http://www.duckipedia.de/Luciano_Bottaro.

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