Ganz schön alt, die Kleinen

betr.: Die Comic-Buchreihe „Der Krieg der Knirpse“ (Panini Comics)

Lucas, Lucien, Luigi und Ludwig leben im Waisenhaus der Abtei von Valencourt in der Picardie. Im Sommer 1914 wird ihr Lehrer einberufen, aber für die meisten, vor allem für die Kinder, ist der Krieg noch ein reichlich abstraktes Phänomen. Als sie eines Tages das Artilleriefeuer hören können, beschließen die Freunde, sich im Wald ein Baumhaus einzurichten. Als sie die Evakuierung ihres Dorfes verpassen, wird dieser Rückzugsort zu ihrem Zuhause. Bang sehen die Kinder dem Winter entgegen. Der deutsche Deserteur Hans freundet sich mit ihnen an und hilft, obwohl man einander nicht versteht. Nach seinem Tod beschließen die Kinder, ihren Unterschlupf aufzugeben. Die Front rückt näher, und sie wollen versuchen, sich in die nächste größere Stadt durchschlagen. Doch der Weg ist voller Gefahren, und die umliegenden Städte von den Deutschen besetzt.
Zu den Opfern, die der Krieg fordert, gehört schließlich auch der Zusammenhalt der inzwischen fünfköpfigen Gruppe.

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Der Horror der Zeitläufte steht den jungen Helden ins Gesicht geschrieben – zweiter Band der Reihe.

Den Krieg aus der Sicht von Kindern zu schildern, ist nicht nur (tragischerweise) überaus zeitgemäß, es kann auch erzählerisch reizvoll sein – wie „Die Blechtrommel“ beweist oder der französische Filmklassiker „Die Spielregel“ (1939). Die bisher vierbändige Buchreihe „Der Krieg der Knirpse“, in der sich eine Gruppe von Waisenkindern durch die Wirren des Ersten Weltkriegs schlägt, schildert die Jahre 1914 bis ‘17. Leider erlauben uns die Helden keinen kindlichen oder sonstwie besonderen Blick auf die Epoche. Bezeichnenderweise sehen sie überhaupt nicht wie Kinder aus, und die Autoren wissen mit dem historischen Hintergrund nicht viel anzufangen. Der Sound (bzw. der der deutschen Übersetzung) ist frei von Kolorit und tröstet uns allenfalls mit angelesenen Fußnoten der Sorte: „Im Ersten Weltkrieg zog man etliche Männer und Jungen zur Zwangsarbeit oder auch zum Minenräumen heran. Um sie von den eigenen Soldaten unterscheiden zu können, mussten sie rote Armbinden tragen.“
Der Relevanzbegriff von Autor Régis Hautiere und Zeichner Hardoc erfordert es, dass der Leser auf jeder Seite von tristen Mienen und schmuddeligen Grün- und Brauntönen an die Tragik der Verhältnisse erinnert wird. Selbst wenn sich das Schietwetter kurzzeitig verzieht, wirkt die Szene trüb und sonnenlos. Kaum ein Augenblick der Unverdrossenheit ist den Figuren vergönnt. Doch die Leugnung jener Routine, die auch in größter Not zu gedeihen pflegt, sabotiert den angestrebten Realismus.

Die Zeichnungen sind ambitioniert und aufwendig – eine Mühsal, die sich auf den Betrachter überträgt. Als Liebhaber des frankobelgischen Comics denke ich voller Wehmut an die zahlreichen Kinder-Abenteuer solcher Zeichner wie Roba und Berck* zurück. Ich frage mich, was ein abgründiger Komödiant wie Deliège** aus diesem ächzenden Szenario gemacht hätte.
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* Siehe auch https://blog.montyarnold.de/2017/10/12/die-schoensten-comics-die-ich-kenne-19-das-pan-elixier/
** Siehe auch https://blog.montyarnold.de/2017/01/16/die-schoensten-comics-die-ich-kenne-11-die-gifticks/

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