Berliner Stadtmusikanten

betr.: Letzte Spielzeit vor dem Abriss der Boulevardbühnen am Ku‘damm

Gestern abend stattete ich der „Komödie am Kurfürstendamm“ meinen letzten Besuch ab. Für alle Nicht-Berliner: im Mai werden die beiden Ku’damm-Theater abgerissen, weil ein wie geschmiert laufendes Viecherkartell aus Berliner Amtsschimmel, Baulöwen und Immobilienhaien einmal mehr etwas Historisches beiseiteräumen darf. In diesem Falle ist das Historische sogar noch in Hochbetrieb – ich wäre buchstäblich fast nicht mehr reingekommen, obwohl ich schon vor Wochen vorbestellt hatte.
Ich hatte neben der Dernière auf dem Spielplan noch ein weiteres kulturelles Erlebnis, auf das ich gar nicht gefasst war: ich verbrachte ein paar Stunden in der alten Bundesrepublik. Es war eine vollkommene Illusion. Die Anwesenden wurden zu Beginn nicht einmal um das Abschalten der Mobiltelefone gebeten (obwohl viele von uns eins mithatten).

Abriss Ku'damm-TheaterAus dem Abschieds-Programmheft der alten „Komödie am Kurfürstendamm“

Während auf der Bühne eine heutige Variante des guten alten Boulevard geboten wurde (das Stück handelt von einem Nerd und von einer professionellen Musicaldarstellerin, zwei Typen also, die in meiner Jugend hierzulande noch gar nicht existiert haben), ließ das ganze Drumherum die Bonner Republik nachwachsen und mich annehmen, ich würde nachher in die West-Berliner Luft hinaustreten. Das fein herausgeputzte Publikum war stilecht, optisch wie akustisch (– es berlinerte geschlossen, was ich in 25 Jahren, wenn überhaupt, nur aus dem Mund von Einzelpersonen gehört habe). Es war entzückt, ohne selbst eine Schau abzuziehen, das heißt: ohne – wie ich es bei Theaterbesuchen gewohnt bin – den Abend erst wacker abzusitzen, um zum Ausgleich beim Schlussapplaus in überzogenes Kraft-Geklatsche auszubrechen. Einige der Zuseher – offensichtlich Touristen aus Hamburg – meinten, sie müssten zum Applaus extra aufstehen, aber sie setzten sich gottlob fast alle wieder hin.

Über Herbert-Reinecker-Teppichboden, eingerahmt von Tütenlampen und güldenem Zierrat (das alles tadellos erhalten) strahlten die Helden der leichten Muse meiner Kindheit auf großen Szenenfotos im Flur wie frisch geknipst. Ich kenne sie alle nur aus dem Fernsehen, aber das war nun mal eine große Sache in jenen Tagen. Diese Exponate werden vermutlich auch die neue Spielstätte – das Schiller Theater – zieren, aber ohne dieses besondere Fluidum, das mit Begriffen wie „Atmosphäre“, „wahrhaftig“ oder „Nostalgie“ unmöglich zu fassen ist.
Und was sollte das auch? Es werden neue Gäste kommen, die das nicht brauchen.
Dennoch konnte meine Melancholie unmöglich nur vom besinnlichen Ende des Theaterstücks herrühren.

Dem Taxifahrer erzählte ich, bei uns in Hamburg wären es eher Kinos, die reihenweise unter die Abrissbirne kämen. „Hier doch ooch!“ meinte er und zeigte mir eine Baulücke, in der bis vor Kurzem ein klassizistischer Bau die Gegenwart verschönert hatte.*

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* Eine köstlich-faktenreiche Lektüre zum Thema „Zerstörung deutscher Bausubstanz nach dem Zweiten Weltkrieg“ bietet das Buch „Man glaubt es nicht“ , siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2018/02/03/die-wiedergefundene-textstelle-grenzerlebnisse/.

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2 Antworten auf Berliner Stadtmusikanten

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