Die Sehnsucht nach der Sehnsucht

betr.: das Handy-Zeitalter / Interview mit Greta Gerwig in der SZ vom 3./4.3.2018 / DLF-Interview mit Manfred Spitzer

Ich weiß noch, wann mir die Allgegenwart von Mobiltelefonen zum ersten Mal so richtig auf den Keks gegangen ist: es war in der ZDF-Serie „Der Alte“. Rolf Schimpf telefonierte auch nicht häufiger mobil als andere TV-Helden, aber irgendwie machte es dieser Beamtendarsteller anders (nämlich so, dass es mich nervte). Bei ihm merkte man am deutlichsten, wie froh die jeweiligen Autoren waren, dass sie dank dieser Erfindung nun wieder eine Unmenge Erklärungen und Dialog gespart hatten – nicht begreifend, dass sie damit auch am Wert ihres Produktes sparten.

Nun ist es wenig gewinnbringend, den übermäßigen Handykonsum zu beklagen* und dann gleich wieder nach dem eigenen Maschinchen zu grabbeln. Umso wohltuender sind differenzierte Klagen über dieses Medium, das ein solcher Segen sein könnte, würde der moderne Mensch nicht ausschließlich alles augenblicklich übertreiben.
Greta Gerwig hat ihren aktuellen Film „Lady Bird“ auch deshalb im Jahr 2002 angesiedelt, weil sich das ganze Drama der Adoleszenz längst auf Snapchat und Instagram verlagert hat und weil sie „keine Smartphones abfilmen wollte. Ich habe keine Ahnung, wie man einen Film über Teenager im Jahr 2018 drehen soll.“ Es ist ein Dilemma, in dem ganz offensichtlich viele Filme- und Serienmacher stecken.
In „Lady Bird“ taucht auch das Tolstoi-Zitat auf, nach dem Langeweile nichts anderes als der Wunsch nach Wünschen sei.

Gestern fiel mir der Zusammenhang zwischen diesem Wunschmangel und dem medialen Aspekt wieder einmal auf, als mich ein Freund besuchte. Er freute sich nicht etwa über seine Jugend und das bevorstehende Ende einer ungeliebten Ausbildung. Immer wieder in das blaue Licht seines Smartphone-Displays getaucht, klagte er über seine Ratlosigkeit, wie er nun weiter vorgehen solle. Er weiß zwar sehr genau, was er nicht will, aber hat keine Idee, womit er sich lieber beschäftigen möchte.

Der Psychologe Manfred Spitzer erklärte dieser Tage in einem Telefoninterview mit dem Deutschlandfunk, wer schon in der Grundschule auf Tablets herumzuwischen lernte (wie viele Bildungspolitiker es empfehlen), der begäbe sich damit auf den Weg zur Reinigungsfachkraft und nicht zum IT-Spezialisten. Es hagelte viel Protest und ein gut gemeintes Gegen-Interview am folgenden Tag. Leider fand sich darin kein einziges Gegenargument.
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* Siehe dazu https://blog.montyarnold.de/2018/01/14/die-spinnen-alle-die-da-oben/

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