Nackt, aber unsichtbar

Offsprache ist die Königsklasse des Sprechens am Mikrofon. Bei einem Hörbuch ist Mogeln vollkommen unmöglich. Hier kann kein Tonmeister, kein Abmischer helfen. OFF ist eine Nahaufnahme. OFF ist Echtzeit.
Im OFF zu sprechen ist auch deshalb schwieriger als im ON, weil es in der Natur (im Alltag) keine Off-Sprache gibt.
Dennoch haben wir alle inzwischen so viele Erzähler und Rezitatoren gehört, so viele Vorleser, Reporter und Kommentatoren, dass wir eine sehr genaue Vorstellung davon haben, wie ein OFF zu klingen hat. Es selbst richtig zu machen, ist – wie überall – wieder eine ganz andere Sache.

Ein guter OFF findet die exakte Mitte zwischen Sachlichkeit und Persönlichkeit. Ist er zu korrekt, steht er dem Wunsch des Zuhörers im Wege, sich emotional auf das Gesagte einzulassen. Leistet er sich irgendwelche Marotten – Dialektfärbung, zu lautes Einatmen, Geschmatze oder Betonungsfehler – wird man augenblicklich vom Inhalt des Vortrags abgelenkt und fragt sich stattdessen: na, wer spricht denn da? Wie sieht sie aus, was hat er an? Der Faden ist gerissen. Die Fantasie des Hörers, die im Alltag mitunter tagelang nicht gefordert wird, bricht sofort aus und läuft Amok.
Was auch immer sich der OFF an künstlerischer Freiheit und Gestaltung gestattet, es muss sich genau auf jenem schmalen Grat zwischen den Extremen abspielen.

Einige der besten Off-Sprecher sind so fabelhaft, dass ihre Marotten nicht stören – der österreichische Zungenschlag von Oskar Werner etwa oder die nasale Spitzfindigkeit von Peter Matic.
Ein anderer dieser Allerbesten war Harry Rowohlt. Sein haariges, trinkfestes, nikotingelbes, wettergegerbtes Gebrumm war derart wahr und urwüchsig, dass man das Bild zur Stimme sogleich und so plastisch vor Augen hatte, dass man sich bruchlos weiter der Geschichte widmen konnte.
An einem von Harry Rowohlts letzten Hörwerken lässt sich die Schwierigkeit der Off-Sprache im Guten wie im weniger Guten bestaunen. Sein Vortrag der Autobiographie von Mark Twain ist erst ab der zweiten CD geglückt. Auf der ersten ist er nicht ganz bei der Sache und mogelt sich mit gewiefter Schaustellerei und uralter Erfahrung durch, was sich immer noch souverän und unfallfrei anhört, solange man nicht wirklich auf den Inhalt achtet.

Ein schlechter Off-Sprecher kann zuviel des Guten tun, was ihn und den Zuhörer gleichermaßen anstrengen wird. Er kann aber auch – und das ist viel verbreiteter – während der ganzen Lesung an etwas anderes denken (Mittagspause, Feierabend, den nächsten Urlaub …) und den Text nicht etwa erzählen, sondern den Inhalt direkt vom Blatt ins Mikro durchreichen.
Irgendwo dazwischen liegt der technisch saubere, aber distanzierte Vortrag. Er ist fehlerlos. Man kann der Geschichte folgen, fühlt sich aber von Anfang bis Ende, als sei man nicht eingeladen. Schließlich bekommt man in Gottes Namen einen bestimmten Platz zugewiesen und muss feststellen, dass es sich um einen Stehplatz handelt.

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