Aliens mit deutschen Krachlauten

betr.: 81. Todestag von H. P. Lovecraft

Howard Phillips Lovecraft ist das Gegenteil der Klischeefigur vom rauschaft lebenden Künstler, der seine Inspiration aus der Ausschweifung bezieht und für den die den Spießbürger einengenden Gesetze keine Gültigkeit haben. Sein Leben war kurz (46 Jahre lang), wenn auch nicht ganz so isoliert und bedrückend wie man jahrelang annahm.* Seine Heimatstadt Providence, Rhode Island hat er ungern verlassen. Er war acht, als sein Vater gelähmt und in geistiger Umnachtung starb. Seine Mutter, die bei der Erziehung des kleinen H. P. von zwei Tanten unterstützt wurde, war ebenfalls derangiert. Als ihr Sohn Ende 20 war, wurde sie ins Butler Hospital eingeliefert, das sie nicht mehr lebend verlassen sollte.
Lovecraft schöpfte aus dieser Biographie, besonders aber aus einschlägigem Lesestoff ein zu seinen Lebzeiten weitgehend unbeachtetes, später bedeutendes und immer bedeutenderes literarisches Werk von rund 70 Erzählungen und Kurzromanen, in denen Verfall, Degeneration und Gestank eine wichtige Rolle spielen.

Lactantius-Lovecraft
Lactantius als Stichwortgeber für H. P. Lovecratfs „The Festival“ (1925): „Böse Geister vermögen dem Menschen Dinge, die nicht wirklich sind, so erscheinen zu lassen, als ob sie wirklich wären.“**
Viele seiner Geschichten spielen im fiktiven Tal des Miskatonic River, in Arkham (das DC mit „Arkham Asylum“ vereinnahmt hat). Typisch für seinen Stil ist die Stimmung, die er zu Beginn der Erzählung „The Shunned House“ (1924) ausbreitet: „Im Mittelpunkt steht ein altes, verfallenes Haus, von Menschen und selbst von Tieren gemieden.“ Darin herrscht „ungesunde Feuchtigkeit“, „pilziges Gewucher im Keller“, und es liegt „über allem ein eigenartiger Geruch“.
Doch auch von der akustischen Ebene des Entsetzlichen hat Lovecraft eine klare Vorstellung: es klingt deutsch. In seiner letzten Geschichte „The Haunter Of The Dark“ (1935) überträgt er eine Idee seines Kollegen Robert E. Howard*** in den deutschen Dativ. Aus dessen „Nameless Cults“ macht er ein Buch mit dem Titel „Unaussprechlichen Kulten“. Der Held entdeckt es in einer Sakristei. Darin findet er „einen verrotteten Schreibtisch und deckenhohe Regale voller modriger, zerfallender Bücher (…), von denen die meisten Menschen noch nie oder nur in verstohlenem, furchtsamen Geflüster gehört haben; die geächteten und gefürchteten Fundgruben fragwürdiger Geheimnisse und uralter Zaubersprüche, die auf dem Fluss der Zeit aus Kindheitstagen der Menschen und den dämmerigen, sagenumwobenen Tagen von ihrem Anbeginn durchgesickert sind.“
Auch im Namen von Lovecrafts zentraler Schöpfung, dem fang-armigen hymischen Mischwesen „Cthulhu“ (1926), erklingen die harten deutschen Konsonanten. Der Autor legte in einer brieflichen Erläuterung – Briefe, bis zu 50 Seiten lang, machen einen Großteil seiner Hinterlassenschaft aus – Wert auf „den sehr gutturalen und heiseren“ Anlaut. Die Science Fiction war noch jung, als H. P. Lovecraft ihr mit der kosmischen Monsterkrake ein später oft variiertes und ausgeschlachtetes Motiv mitgab.**** Es war seine Idee, dass von da draußen Böses zu uns herein- und herunterkommen könnte, er ist der Wegbereiter des Invasions-Horrors.

Marvel-LovecraftH. P. Lovecraft  als Stichwortgeber für den Comic („Die ruhmreichen Rächer“ #87, Williams Verlag Mai 1978). Auch der Titel der Geschichte nimmt auf ihn Bezug. Lovecrafts Wiederhall in diesem Medium ist ähnlich groß wie im Film. – TM & © MARVEL ENTERTAINMENT, LLC

Besonderen Horror dürfte heutigen Lesern (wenigstens einigen von ihnen) das problematische Naturell des Autors bereiten: sein Rassismus, seine mutmaßliche Misogynie, sein Antisemitismus, seine Homophobie. Zu seiner Verteidigung: er schonte sich auch selbst nicht. In der Erzählung „The Outsider“ (1921) zeichnet er sich als Bürgerschreck im Sinne des Wortes. Giorgo Manganelli attestierte ihm: „Wann immer Lovecraft als vorbehaltloser und glaubwürdiger Chronist die abseitigen Fratzen beschreibt, von denen sein Dasein erfüllt ist, beschreibt er das einzige unförmige Monster, mit dem er von Grund auf Erfahrung hat, sich selbst.“
__________________
* Seit der (Wieder-)Entdeckung des Schriftstellers Lovecraft Anfang der 90er Jahre hat auch eine Erforschung seines Lebens eingesetzt, die viel recht Harmloses ans Licht beförderte und seinen Nimbus als gruseligen Sonderling weitgehend widerlegte.
** Entnommen aus „H. P. Lovecraft. Das Werk“, Große kommentierte Ausgabe. Die Neuübersetzung für das 21. Jahrhundert – 978-3-596-03708-7
*** Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2017/01/22/conan-das-politische-buch-der-stunde/
**** Siehe dazu auch https://blog.montyarnold.de/2015/08/20/o-schrecken-schrecken/

Dieser Beitrag wurde unter Comic, Krimi, Literatur, Marvel, Science Fiction abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten auf Aliens mit deutschen Krachlauten

  1. Pingback: Die Umwege der Inspiration - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

  2. Pingback: Die wiedergefundene Textstelle: “Childe Roland to the Dark Tower Came” - Monty Arnold blogt.Monty Arnold blogt.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>