Ausdruckstanz auf dem Vulkan

betr.: 40. Todestag von Valeska Gert

In einem Interview erinnerte sich Valeska Gert noch sehr genau, was 85 Jahre zuvor geschehen war: „Als ich geboren wurde, hab ich gemerkt, wie ich rausgekommen bin. Noch früher kann ich mich nicht erinnern. Die nächste Erinnerung: als ich zwei Jahre alt war, da saß ich mit der Hebamme in unserem Esszimmer. Die Hebamme hat ein blaues Kleid mit rosa Blümchen angehabt, und nach kurzer Zeit wurde ich dann in das Zimmer meiner Mutter geholt. Mein Brüderchen war geboren worden, und da sah ich im Bidet lauter Wattestücke schwimmen. Das war meine nächste Erinnerung. Die dritte war die, als ich zum ersten Mal lief. Ich erinnere mich genau, dass meine Mutter im Erker gesessen hat, dann schrie sie plötzlich: ‚Das Kind läuft!‘ Dann muss ich wohl aufgestanden sein, sie ist zu mir gekommen und hat mich festgehalten. Anscheinend. Das sind meine ersten Erinnerungen.“

Valeska GertIn den 20er Jahren erfand Valeska Gert die Tanzpantomime, schockierte in ihrem eigenen Kabarett, war Filmstar bei G. W. Pabst und später bei Fassbinder und Fellini.

Selbst in den heute gern wegen ihrer subkulturellen Reize beschworenen Wilden Zwanzigern hatte die Grotesktänzerin über fehlende Anerkennung aus dem bürgerlichen Lager zu klagen. Sie schrieb: “Tanzen bedeutet: Triebe ausleben, und künstlerisches Tanzen bedeutet: Triebe sublimieren. Mit Hilfe des überlegenen Geistes ordnen und in Tanzgestaltungen umsetzen. In Deutschland ist bei der großen Masse nicht nur das Gestalten der Triebe, sondern merkwürdigerweise auch die Überlegenheit des Geistes verpönt. Wehe der Tänzerin, die in Deutschland eine erotische Wirkung hat, und wehe der Tänzerin, deren Geist es wagt, Kapriolen zu schlagen. Geist wird hier für Intellektualität gehalten, Intellektualität für Geist. Eine Tanzdarbietung muss nach saurem Schweiß riechen, ethisch sein, wirrgeistig und langweilig. Genialität ist weniger erwünscht als Solidität. Weil der Durchschnittsdeutsche kein Selbstvertrauen hat, hält er nur die Kunst für groß, die er nicht versteht und die ihn langweilt.“

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